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»Cellarius Atlas«: Astronomische Weltbilder und die zwölf Apostel am Firmament

Dieser ästhetisch überwältigende historische Atlas belegt, welche Energie die Suche nach Orientierung und Sinn zu allen Zeiten freisetzen kann.

Atlanten dienen der Orientierung. Aber welche Art von Orientierung kann ein Atlas bieten, der schon, als er 1660 zum ersten Mal erschien, nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit war und dessen 29 Karten jetzt kommentiert und eingeleitet neu herausgegeben wurden?

Beginnen wir mit dem Äußeren. Dieser Atlas hat fast 250 großformatige Seiten im ungewöhnlichen Format von 29 × 48 Zentimetern. Er gliedert sich in drei Teile: den zentralen Teil, in dem die 29 großen, kolorierten Kupferstiche des Originals reproduziert und erläutert werden, dem eine etwa 30-seitige Einleitung vorangeht; ein Anhang präsentiert schließlich eine Zusammenstellung der Sternbilder samt Illustrationen sowie zahlreicher Sternnamen, ein Glossar und einen Lebenslauf des Autors Andreas Cellarius. Alle Texte werden auf Englisch, Französisch und Deutsch angeboten. Auch die Einleitung und der Anhang sind reich bebildert. Zusammen mit der hervorragenden Qualität der Abbildungen tragen der Satz und die Schriftart erheblich zum angenehmen und ästhetisch überzeugenden Gesamteindruck bei.

Es lohnt sich, im Einzelnen auf die 29 zentralen Tafeln einzugehen. Die ersten drei stellen das ptolemäische, geozentrische Weltbild dar, die nächsten beiden das kopernikanische, heliozentrische. Auf zwei Tafeln folgt das Weltbild Tycho Brahes, in dem die fünf damals bekannten Planeten um die Sonne kreisen, die Sonne mit ihren Trabanten und der Mond aber um eine zentrale Erde. Eine Tafel ist dem von dem griechischen Dichter Aratos überlieferten Weltbild gewidmet, demzufolge die unteren Planeten Merkur und Venus um die Sonne, diese aber zusammen mit dem Mond und den oberen Planeten um die Erde kreisen.

Menschen, die von ihren Schatten umlaufen werden

Die nächste Tafel veranschaulicht, wie die Planetenbewegungen in Tycho Brahes Weltbild beschrieben werden können, eine weitere stellt die Größe verschiedener Himmelskörper dar. Die beiden nächsten zeigen die Erde, umgeben von verschiedenen gedachten Kreisen wie dem Himmelsäquator und der Ekliptik sowie in verschiedenen Koordinatensystemen wie dem äquatorialen und dem ekliptikalen. Den Klimazonen der Erde und ihren Bewohnern ist die nächste Tafel gewidmet. Hier erfährt man unter anderem, wo sich die Antipoden befinden.

Zwei weitere Tafeln kehren ganz zum ptolemäischen Weltbild zurück und stellen dar, wie sich aus Exzentern und Epizyklen die Planetenbahnen ergeben und in welchen besonderen Positionen die Planeten am Himmel zueinanderstehen können. Die beiden anschließenden Tafeln zeigen die leicht exzentrische Bahn, auf der die Sonne in diesem System die Erde umläuft, und die spiralförmige Bahn, welche die Sonne am irdischen Himmel im Lauf eines Jahres beschreibt. Der ebenfalls exzentrischen Bahn des Mondes und seinem Epizykel sowie den Mondphasen sind die folgenden beiden Tafeln gewidmet. Zwei Tafeln schließen sich an, auf denen jeweils die Bahnen der drei oberen und der beiden unteren Planeten dargestellt sind.

Wenn Apostel die Tierkreiszeichen ersetzen

Auf zwei weiteren Tafeln ist der Himmel statt mit den gewohnten mit christlichen Sternbildern überzogen. Hier umfährt statt des Großen Bären ein »Schiff des Hl. Petrus« den nördlichen Himmelspol, und an die Stelle der zwölf Tierkreiszeichen treten die zwölf Apostel, wobei Judas seines Verrats wegen durch den Heiligen Matthias ersetzt wurde. Die größtenteils heute noch üblichen, meistens aus der Antike überlieferten Sternbilder sind auf zwei weiteren Tafeln versammelt. Den Abschluss bilden vier Tafeln zum nördlichen und südlichen Sternhimmel, von denen drei Himmel und Erde gemeinsam so zeigen, als blickte man von außen durch eine durchsichtige Himmelskugel auf die Erde.

Diese Tafeln sind Kunstwerke, an deren Detailreichtum man sich kaum satt sehen kann und in die hineinzudenken sich lohnt. Besonders hervorzuheben sind die perspektivischen Darstellungen, und unter ihnen vor allem diejenigen, auf denen man durch den Himmel auf die Erde blickt. Die Tafeln werden in treffenden Texten erläutert, die auf Details der Darstellung, aber auch auf Fehler und Korrekturen hinweisen. Vor und nach den Tafeln werden jeweils vergrößerte Ausschnitte präsentiert. Der Atlas ist ein üppiges, sorgfältig erarbeitetes Buch, das neben seinem überwältigenden ästhetischen Eindruck auch vermittelt, wie bis in die frühe Barockzeit hinein darum gerungen wurde, am Himmel Orientierung und Sinn zu finden.

Die Einleitung bietet vor allem einen Überblick über die Entwicklung der Astronomie seit der Antike. Sie erwähnt, dass der Atlas schon zu seiner Entstehungszeit nicht mehr ganz aktuell war und den damals praktizierenden Astronomen wenig Neues bieten konnte. Als er erschien, war Kopernikus’ Buch De revolutionibus orbium coelestium schon fast 120 Jahre alt, und ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Galilei im Sidereus Nuncius seine Beobachtungen der vier hellsten Jupitermonde beschrieben, die zeigten, dass es mit dem Jupiter mindestens ein weiteres Umlaufzentrum im Sonnensystem gab. Dennoch bezeichnet der Atlas (auf Tafel 14) das ptolemäische Weltbild als das allgemein akzeptierte (»communis«).

Welche Art der Orientierung mag der Atlas also damals geboten haben? Und welche bieten seine Tafeln heute? Zum einen belegt der Atlas, wie dringend das Bedürfnis damals gewesen sein muss, Ordnung in der Welt zu finden. Und auch wenn es sich heute anders ausdrücken mag: Dieses Bedürfnis ist geblieben. Darüber hinaus zeigen die großartigen Tafeln mit ihren Erläuterungen, wie eng die künstlerische, theologische, mathematische und astronomische Perspektive auf die Welt damals miteinander verflochten waren. So ist der Atlas ein beeindruckendes Dokument der Geistes- wie der Kunstgeschichte.

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