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»Cosmic Bullshit«: Mit Slapstick durch den Kosmos

Horoskope, Zeitreisen, Ufos – schräge Ideen zum Universum gibt es genug. Chris Ferries Versuch, sie zu entzaubern, ist allerdings selbst etwas schräg geraten.

In den letzten 100 Jahren hat sich unser Wissen über das Universum explosionsartig vermehrt. Doch das führt seltsamerweise nicht dazu, dass verschwurbelten Theorien der Garaus gemacht wird. Eher ist das Gegenteil der Fall. Doch welche abstrusen Ideen über den Kosmos könnten wir wirklich getrost vergessen? Dieser Frage geht »Cosmic Bullshit« nach.

Es gibt sie immer noch: Horoskope. Auch wenn vermutlich den allermeisten Menschen inzwischen klar ist, dass die sogenannte Kunst der Sterndeutung aus wissenschaftlicher Sicht einfach nur Quatsch ist – aufgegeben haben selbst renommierte Zeitungen sie bis heute nicht. Soll ich wegen seiner Begeisterung über ein für ihn günstiges Horoskop einen Streit mit meinem Bekannten riskieren? Lieber nicht. Sollte ich ihm dann vielleicht ein Buch schenken, das sich mit kosmischen Mythen auseinandersetzt? – Der australische Quantenphysiker Chris Ferrie hat ein solches geschrieben. Schauen wir es uns an.

Vom Schöpfungsmythos bis zum Weltuntergang

Fünf große Bereiche macht der Autor aus, in denen wir oftmals kosmischen Käse glauben. Da sind zum einen die Schöpfungsmythen, die Anfang und Entstehen der Welt erklären wollen; sie werden im ersten Kapitel besprochen. Das zweite Kapitel versucht den Lesern klarzumachen, warum weder Planeten noch Sterne einen Einfluss auf uns haben – hier wird also die Astrologie zerpflückt. Vielleicht noch nicht so lange, aber ebenso hartnäckig halten sich Ufo-Geschichten, die Ferrie im dritten Kapitel seziert. Dass Zeitreisen unmöglich sind, haben Sie vermutlich auch schon gewusst. Um sie geht es in Kapitel vier. Und schließlich behandelt der Autor im letzten Kapitel bevorstehende Weltuntergänge, die ja bekanntlich dann doch nie stattfinden.

Soweit klingt das alles ganz vernünftig und lesenswert. Aber selten habe ich mich so durch einen Text gequält wie durch »Cosmic Bullshit«. Nicht, dass Thema oder Text langweilig wären. Doch wirklich jeder zweite Paragraf endet mit einer krampfhaft lustigen Zote, wie sie schlechte Komiker reißen. So lesen wir auf S. 41: »Sie [die spezielle Relativitätstheorie] ist ›speziell‹ wegen der Sache mit dem inertialen Beobachter und nicht etwa, weil es sich um Einsteins kleine Lieblingstheorie handelte […].« Die schiere Menge an solchen Einschüben ist ebenso verblüffend wie störend.

Fragwürdiger Humor

Geradezu verstörend wird es, wenn der Autor ins Vulgäre abgleitet. Vielleicht ist das mit dem »frech« im Klappentext gemeint – aber ich weiß nicht, wer Sätze wie den folgenden lesen möchte (S. 57): »Die 88 offiziell anerkannten Sternbilder umfassen 42 Tiere, acht Menschen, die diverse Arbeiten verrichten, neun Fabelwesen und 29 unbelebte Objekte, wobei keines davon ein Penis ist.«

Aber der Autor hat auch gute Ideen, wie etwa die, eine Schöpfungsgeschichte als Lückentext zu schreiben, in den man die Akteure nach Belieben selbst eintragen kann (S. 20). So verdeutlicht Ferrie, wie willkürlich die Mythen konstruiert sind, die sich um den Anfang der Welt ranken. Aber auch hier kann es Ferrie nicht lassen, eine eigene, mit komplettem Nonsens gefüllte Version nachzureichen – das ist dann tatsächlich Bullshit, weil er auf diese Weise den eigentlich guten Punkt seiner Argumentation verwässert.

Der missglückte Stil macht das Buch zur vertanen Chance; zumal ich mir sicher bin, dass der Autor auch anders gekonnt hätte. Warum er sich jedoch für Slapstick als Stilmittel entschieden hat, erschließt sich mir nicht. Denn eines darf man ihm wohl trotz allem abnehmen: Aufklärung liegt ihm als Wissenschaftler am Herzen, und er möchte seinen Lesern einen naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt vermitteln. Aber vielleicht, um im Stile Ferries zu schließen, ist das Buch auch gar nicht unbedingt für mich gedacht, sondern eher für eine Population von Clowns aus dem Quadranten 77, direkt hinter dem Orionnebel. Sollte ich sie treffen, werde ich ihnen das Buch überlassen.

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