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Grenzen der Erkenntnis

Woher kommt das Universum? Was war an seinem Anfang – und gab es überhaupt einen oder existiert das All schon ewig? Woher kommt der Mensch und welchen Platz nimmt er im Kosmos ein? Je nachdem, welche Erklärungsansätze die Menschen in ihrer Geschichte wählten, entstanden mythologische, religiöse, philosophische oder naturwissenschaftliche Weltbilder.

Die modernen Naturwissenschaften bilden mit ihren Erkenntnissen die verlässliche Basis unserer hochtechnisierten Wissensgesellschaft. Wissenschaftler argumentieren mit der Einwirkung physikalischer Kräfte auf Materie, die beide den Naturgesetzen unterliegen. Sie erforschen das Innere von Atomen und nähern sich dem postulierten Urknall in ihren Modellrechnungen auf wenige tausendstel Sekunden an. Doch was können sie mit Bestimmtheit sagen und wo liegen die Grenzen ihres Wissens? Zur Untersuchung dieser Frage gliedert Hands sein Buch in vier Teile. Sie befassen sich mit der Entstehung und Entwicklung der Materie, des Lebens sowie des Menschen. Der Schlussteil lotet die Grenzen des aktuellen naturwissenschaftlichen Weltbildes aus.

Dichte der Materie ändert sich doch

Die Annahme eines Urknalls, mit dem der gesamte Kosmos entstanden sei, gehört im 21. Jahrhundert zum wissenschaftlichen Konsens. Hands zeigt jedoch, dass es sich dabei um mathematisch-physikalische Modelle handelt, zu denen es auch alternative Entwürfe gibt, etwa die »teady-State-These aus dem 20. Jahrhundert, zu deren bekanntesten Vertretern der Astrophysiker Fred Hoyle (1915-2001) zählte. Sie geht von einem stationären Universum im Fließgleichgewicht aus. Die meisten Kosmologen sehen sie mittlerweile als widerlegt an, Hands betont allerdings, dass auch die Urknalltheorie falsifizierbar ist und von künftigen Messdaten eventuell revidiert werden könnte.

Auch Naturgesetze und naturwissenschaftliche Begriffe lassen sich hinterfragen. So können zwar Phänomene benannt und über chemische oder physikalische Gesetze beschrieben und berechnet werden. Doch im Fall der Schwerkraft ist damit noch nicht erklärt, wie es Materie eigentlich schafft, auf andere Materie eine anziehende Wirkung auszuüben. Für Hands ist dies ebenfalls eine Grenze naturwissenschaftlichen Wissens. Allerdings spricht er hier einen metaphysischen Bereich an, der offenbar "hinter" dem Gesetz liegt.

Die Frage nach der Entstehung des Lebens dient Hands als Beispiel für die aktuellen Limitierungen biologischen Wissens. Zwar sind die Lebensvorgänge und die zugrunde liegenden chemischen Verbindungen inzwischen gut untersucht, doch welcher Mechanismus lebende Strukturen ursprünglich hervorgebracht hat, ist weitgehend spekulativ. Die von Charles Darwin (1809-1882) begründete Evolutionstheorie sowie die moderne Genetik beschreiben zwar die Differenzierung der Lebewesen in diverse Arten – aber erst nach der Entstehung des Lebens. Als Erklärungsansätze stellt Hands zum einen die "Ursuppen"-These vor, laut der sich die ersten selbst replizierenden Strukturen durch zufällige Reaktionen entwickelt haben. Die Vermutung, dass Selbstreplikatoren in zweidimensionalen Substraten entstanden sein könnten, erörtert er ebenso wie die Idee eines möglichen außerirdischen Ursprungs irdischen Lebens – die das Problem allerdings nur in den extraterrestrischen Bereich verlagert.

Religion als Wissenschaft verkleidet

Angesichts dieser Probleme greifen manche Theologen, Philosophen und Forscher auf ein so genanntes "Intelligent Design" und damit göttliche Eingriffe in den Naturprozess zurück. Hands distanziert sich von diesem Ansatz und lehnt ihn als unwissenschaftlich ab.

Das Buch erhebt nicht den Anspruch, die großen Fragen nach dem Ursprung des Universums, der Entstehung des Lebens und des Menschen abschließend zu beantworten. Es ist vielmehr ein Kompendium unterschiedlicher Erklärungsansätze, die Hands aus seiner Sicht auf Plausibilität prüft. Allein diese Sammlung macht es lesenswert. Seine Schlussfolgerungen erscheinen jedoch manchmal zu eigenwillig. Auch ist seine Aussage, dass die Wissenschaft wahrscheinlich niemals die Entstehung des Lebens erklären könne, pure Spekulation. Das kann er nicht ernsthaft daraus folgern, dass es bislang noch nicht gelungen ist.

Die herausfordernde Lektüre eignet sich für Leser mit naturwissenschaftlichen, wissenschaftshistorischen und erkenntnistheoretischen Interessen. Naturkundliche oder philosophische Vorkenntnisse sind dabei von Vorteil.

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