»Cultish«: Die Sprachen von Kulten
Wenn man jemandem oder etwas »Kultstatus« zuspricht, ist das in der Regel anerkennend gemeint. Häufig wird der Begriff auf Phänomene aus Musik, Film oder Sport bezogen, etwa auf die Serie »Breaking Bad« von Vince Gilligan. Oft entfaltet der damit verbundene »Kult« eine eigene Dynamik.
So wies die Geschichte des krebskranken und genialen Chemielehrers, der aus Sorge um die ökonomischen Verhältnisse seiner Familie zum Drogenbaron wird, eine Zeitlang die Folge mit der besten Bewertung der Online-Datenbank IMDb auf: 10/10. Dann erreichte auch eine Episode aus der Serie »A Knight of the Seven Kingdoms« diese Höchstwertung. Darüber erbost, werteten Scharen von Fans des Drogendramas diese Folge ab, was wiederum die Fantasyfans dazu veranlasste, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Nun hat keine der beiden hervorragenden Serien mehr eine Folge mit Höchstwertung aufzuweisen. Was man an diesem Beispiel beobachten kann, ist die direkte Verbindung zwischen einem »Kultstatus«, den etwa eine Serie haben kann, und dem Verhalten ihrer Fans, das man fast schon – negativ – als »kultisch« bewerten möchte.
Nur für Insider
Die US-amerikanische Linguistin Amanda Montell untersucht – neben den bei diesem Thema zu erwartenden Endzeitkulten – genau solche Phänomene. In sechs Teilen befasst sich Montell insbesondere mit der Rolle der Sprache in solchen Gemeinschaften. Ihre Hauptthese ist, dass Manipulation in Kulten nicht über psychedelischen Hokuspokus im Rahmen einer sogenannten Gehirnwäsche erfolgt, sondern vor allem durch den geschickten Einsatz von Sprache. Sie arbeitet hierbei heraus, dass auch aus vermeintlich harmlosen Beschäftigungen oder Hobbys entstandene Gemeinschaften kultartige Züge annehmen können. In einem eindrucksvollen Einstieg stellt die Autorin etwa eine ehemalige Sektenanhängerin einer Person gegenüber, die leidenschaftlich das Ganzkörpertraining Crossfit betreibt. Das Ähnlichkeitsmerkmal, das beide zunehmend von ihrem ursprünglichen Umfeld entfremdet, wird schnell klar: eine Art Fachjargon, den nur Eingeweihte, in den Kult Initiierte, verstehen.
Es gibt aber auch kultähnliche Gemeinschaften, die positive Ziele verfolgen und dabei ihre eigene Sprache pflegen, ohne durch sie in negativen Fanatismus abzudriften – das betont die Autorin ausdrücklich und liefert auch entsprechende Beispiele. So gibt es bei den »Anonymen Alkoholikern« das Akronym »HALT«. Es dient der Beschreibung eines Zustandes (»Hungry«, »Angry«, »Lonely«, »Tired«), in dem Menschen leichter dazu neigen, Alkohol zu konsumieren – ein Neologismus, der sich auf dem Weg der Genesung vielfach als hilfreich erwiesen hat.
Die leeren Versprechen der Kulte
Solche Beispiele kontrastieren mit Suizidkulten wie »Peoples Temple«, kontroversen »Religionen« wie »Scientology« oder sogenannten Multi-Level-Marketing-Unternehmen, die wie Pyramidensysteme funktionieren. Die Autorin belegt durch eine Fülle von Quellen und Interviews mit ehemals Betroffenen, dass Kultsprache nicht immer spirituell verankert sein muss – es gibt auch einen sehr profanen Business- oder Fitnesssprech. Meist versprechen die Anführer von Kulten allerdings etwas, das de facto nicht existieren oder eintreten kann – sei es die Errettung durch Außerirdische, Reichtum ohne viel Arbeit oder die andauernde perfekte Fitness.
»Cultish« ist ein hochinteressantes Buch, das auch linguistisch nicht vorgebildete Leser problemlos lesen können. Dabei hilft der typisch amerikanisch gefällige, leicht dahinplätschernde Stil, der weitgehend auf Fachvokabular verzichtet. Als Leser mit Vorkenntnissen hätte man sich hingegen mehr Einsichten aus der Psycholinguistik gewünscht. Zudem wäre ob der Fülle der genannten Personen ein Glossar hilfreich gewesen. Die Kapitelüberschriften haben auch eher unterhaltenden als informierenden Charakter: Von »Willst du ein #BossBabe sein?« ist es ein relativ weiter Weg zu den Fallstricken des Multi-Level-Marketings, die darin verhandelt werden.
So changiert »Cultish« irgendwo zwischen True Crime und Populärwissenschaft. Es macht sehr deutlich, dass wir als soziale Wesen immer anfällig für Kulthaftes sind, besonders dann, wenn der Kult sprachlich so attraktiv inszeniert wird, dass man einfach »dabei sein« will. Man kann nur hoffen, dass Amanda Montells Werk angesichts der aktuellen Situation dort vor allem auch in ihrem Heimatland weite Verbreitung findet.
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