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Geschichte: Von Giftmischern, Spionen und unterdrückten Frauen

»Dark Rome« widmet sich den Skandalen und Intrigen im Römischen Reich – und lässt dabei nicht das echte Leben der Römer außer Acht.

Die römische Geschichte ist reich an Exzessen, Intrigen, menschlichen Abgründen, Brot und Spielen: Da ist Kaiser Nero, der sich am brennenden Rom ergötzt haben und ein Lied vom Untergang Trojas angestimmt haben soll. Hat er nicht das Feuer vielleicht sogar selbst gelegt?! Und Kaiser Elagabal, der gerne in Frauenkleidern durch die Gegend getanzt ist, bis er dann mit Anfang 20 ermordet wurde. So weit, so normal.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man das Buch »Dark Rome« von Michael Sommer für einen Sammlung der saftigsten Skandale halten: Auf dem Titel ist ein Totenkopf-Mosaik abgebildet. »Das geheime Leben der Römer« heißt der Untertitel.

Skandalgeschichten in den richtigen Zusammenhang gerückt

Und in der Tat wird den Leserinnen und Lesern einiges vorgesetzt: wie Kaiser Tiberius nach zehn Jahren im Amt die Regierungsgeschäfte satthatte, sich nach Capri zurückzog und seiner Sexlust frönte. Von überall ließ er wohl junge Mädchen und Lustknaben herbeischaffen, die sich dann vor seinen Augen zu vergnügen hatten. Wie sein Nachfolger Caligula sich bei Gastmahlen die Frauen vornehmer Senatoren habe vorführen lassen, mit denen er sich dann vergnügte, um später – an den Tisch zurückgekehrt – von ihren körperlichen Vorzügen und Nachteilen zu berichten. Auch über die Ehefrauen der Kaiser gibt es wüste Geschichten: So soll sich Claudius' Frau Messalina nachts regelmäßig aus dem Palast geschlichen haben, um sich als Prostituierte zu verdingen. Angeblich.

Sommer weidet sich aber nicht an den kolportierten Skandalgeschichten. Vielmehr rückt er sie in den rechten Zusammenhang: Fast immer geht es um Macht. Wer seinen Gegnern mit Hilfe von Gerüchten und übler Nachrede moralische Verderbtheit anhängt, kann ihren Ruf nachhaltig zerstören. Das klappt bis heute. Was bei politischen Widersachern schon zu Lebzeiten gelingt, funktionierte bei den sakrosankten Kaisern meist erst postum. Ob ein Herrscher gut oder schlecht war, darüber entschied die Nachwelt – allein schon, weil ein kritisches Urteil zu Lebzeiten lebensgefährlich sein konnte. Kam die Gesellschaft zu dem Schluss, der verstorbene Kaiser sei bei den schlechten Herrschern einzuordnen, wurden alle finsteren und schlüpfrigen Geschichten hervorgekramt und etliche dazuerfunden.

Sommer lässt keinen Zweifel daran, dass an vielen der Geschichten etwas dran ist: Für die Männer war es sowieso grundsätzlich in Ordnung, sich sexuell auszutoben. Die gottgleichen, alleinherrschenden Kaiser konnten sich häufig gänzlich ungebremst ihren Gelüsten hingeben. Und wer Macht hatte, konnte sich auch als Frau eher über die geltenden Moralkodizes hinwegsetzen.

Grundsätzlich aber hatten Ehefrauen – anders als Männer – treu und sittsam zu sein und dem Staat möglichst viel Nachwuchs zu gebären. Sommer, der an der Universität Oldenburg Professor für Alte Geschichte ist und zur Mentalitäts- und Sozialgeschichte forscht, macht diese moralischen Doppelstandards deutlich. Und wirft so ein kurzes Schlaglicht auf die Schicksale der römischen Frauen, die in der Geschichtsschreibung sonst kaum eine Rolle spielen. Auch in anderen Kapiteln geht es darum, hinter den Herrschernamen und Jahreszahlen echte Menschen und Lebensverhältnisse aufscheinen zu lassen.

Eine besondere Form der Alltagsgeschichte, auf die der Autor ausführlich eingeht, hat sich in kleinen Bleitafeln, so genannten »defixiones«, erhalten. Darauf wurden konkrete Bitten an die Götter (aber auch Verwünschungen) festgehalten: Auf einem Täfelchen aus dem 5. Jahrhundert, das in Syrien gefunden wurde, werden die »Blauen« verwünscht, die im Pferderennen gegen die »Grünen« antreten. Auf einer anderen Tafel erbittet ein junger Mann von den Göttern, dass eine gewisse Euphemia ihn »mit wahnsinniger Liebe liebt, mit Zuneigung und mit Sex«. Manche Schreiber der Täfelchen erbitten sich Unterstützung in einem Gerichtsprozess; eine Sklavin wünscht sich inständig, nicht an ein Arbeitshaus für Sklaven verkauft zu werden; ein anderer Sklave wünscht sich, vor dem Tod in seine griechische Heimat zurückkehren zu können.

Michael Sommer hat mit »Dark Rome« ein Buch geschrieben, das die Neugier vieler Leser und Leserinnen auf das Menschliche und Allzumenschliche im alten Rom durchaus bedient. Weil er dabei auch Nebenschauplätze, Randaspekte und Einzelschicksale beleuchtet, haucht er der bis heute hauptsächlich durch Zahlen und Namen übermittelten Geschichte neues Leben ein.

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