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Mit der Taschenlampe durchs Dunkelnetz

Digitale Unterwelt, Tummelplatz für Kriminelle: Um das Darknet ranken sich viele Mythen. Spätestens, nachdem bekannt wurde, dass der Münchener Amokläufer David S. sich seine Tatwaffe im Darknet beschafft hatte, ist dessen Existenz einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Was sich aber genau dahinter verbirgt, wissen die wenigsten.

Journalist Stefan Mey erklärt im vorliegenden Buch, wie dieses klandestine Netzwerk funktioniert. Das Eingangsportal in die virtuelle Unterwelt ist die Anonymisierungstechnik TOR. Deren Prinzip, erfahren die Leser, ähnelt dem Aufbau einer Zwiebel: Der Kern, die User-Identität, ist hinter mehreren Schichten verborgen. Daher auch der Name der Software, der das Akronym von "The Onion Router" darstellt. Ein Auswahl-Algorithmus schickt die Datenpakete über drei von insgesamt 7300 TOR-Knotenpunkten, die für den Betreiber der jeweils aufgerufenen Seite eine Art Verwirrspiel praktizieren. Der Pfad läuft über mehrere Knoten in verschiedenen Ländern, sodass sich die IP-Adresse nicht zurückverfolgen lässt.

Liebhaber der Zwiebel

Für sein Buch hat der Journalist umfangreich recherchiert, unter anderem mit BKA-Ermittlern, Wissenschaftlern und Netzaktivisten gesprochen. Und er ist an jene Orte gereist, an denen man das Darknet nicht vermuten würde. Zum Beispiel in ein Hinterhaus im Berliner Wedding, wo der Verein Zwiebelfreunde e.V. sitzt und einige wichtige technische Knoten betreibt, die das Rückgrat des Darknets bilden.

Der Autor zeichnet ein differenziertes Bild der digitalen Schattenwelt. Da ist zum einen das "böse Darknet", die illegalen Marktplätze, wo Waffen, Drogen und Kinderpornografie gehandelt werden. Zum anderen aber auch das "gute Darknet", jener Raum, in dem sich Whistleblower und Oppositionelle organisieren. Für sie ist Anonymität von zentraler Bedeutung. Whistleblower, die Zugang zu geheimen Dokumenten haben und Missstände öffentlich machen wollen, stehen regelmäßig vor dem Problem, dass sie nicht mit einer Redaktion kommunizieren können, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Darknet, schreibt Mey, halte dafür eine Lösung bereit, indem Medien sich eine eigene .onion-Adresse einrichten, über die Hinweisgeber ihre Dokumente hochladen können. Insofern trage die Anonymisierungstechnik auch zum Informantenschutz bei.

Bollwerk gegen allumfassende Überwachung?

Diese Ambivalenz war dem Darknet von Anfang an eingeschrieben. Schon der Vorgänger des Internets, das Arpanet, war von der DARPA gefördert worden, einer Forschungseinrichtung des US-Verteidigungsministeriums. Auch das Darknet ist eine Entwicklung des US-Militärs. Das Modell entstand am "Naval Research Laboratory" des Pentagon. Die Mathematiker Paul Syverson sowie die Informatiker David Goldschlag und Michael Reed wollten eine Möglichkeit schaffen, die es Auslandsagenten in feindlichen Ländern erlaubt, sicher nach Hause zu kommunizieren. Bereits in ihrem Aufsatz "Hiding Routing Information" aus dem Jahr 1996 deuteten die Wissenschaftler die Ambivalenz des Netzwerks an: "Es gibt eine offensichtliche Spannung zwischen Anonymität und Strafverfolgung." Jene Verschlüsselungstechnik, mit der staatliche Organe sichere Kommunikationswege aufbauen wollen, nutzen heute Kriminelle zum Schaffen rechtsfreier Räume.

Mey bringt diese paradoxe Konstellation auf den Punkt: "Die entwickelte Software gilt als ärgste Widersacherin staatlicher Überwachungsgelüste, und kryptoanarchistische TOR-Fans sehen sie als Stachel im Pelz der überwachungswütigen NSA. Doch die Gehälter der TOR-Angestellten speisen sich indirekt fast ausschließlich von Geldern eben der Regierung, der die NSA untersteht." Meys These, wonach das Darknet womöglich das bessere, weil anonyme und nicht überwachte Internet sei, ist durchaus diskutabel, aber wohl empirisch nicht haltbar. Denn die Geheimdienste betreiben mutmaßlich selbst TOR-Knoten und okkupieren durch die Infiltrierung der Infrastruktur das "verlorene" Terrain wieder. Je tiefer man in das Buch hineinliest, desto werden die einzelnen Verstrickungen der Akteure deutlich.

Mey beschreibt kundig die Ambivalenz des Darknets und zeigt anschaulich dessen Widersprüchlichkeiten auf. Das gelingt ihm in einem spannenden, stellenweise sogar fesselnden Bericht. Mit seinem Buch leistet der Autor einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um Cyberkriminalität und Internetüberwachung, bei der man zuweilen den Eindruck hat, dass die Strafverfolgungsbehörden von einem recht einseitigen Begriff des Darknets ausgehen.

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