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Siegeszug der Buchstaben

Germanist Matthias Heine zeichnet die Geschichte des Alphabets über 3500 Jahre nach.

Wenn man sich fragt, welche Erfindungen die folgenreichsten der Menschheitsgeschichte waren, wäre die Schrift ein ernst zu nehmender Kandidat für einen der ganz vorderen Plätze. Besondere Dynamik gewann ihr Siegeszug mit dem Aufkommen von Alphabetschriften: Diese greifen auf den Lautbestand der jeweiligen Sprache zurück und kommen deshalb mit einem überschaubaren Zeicheninventar aus. Die Zahl ägyptischer Hieroglyphen geht in die Tausende – unser Alphabet hat 26 Buchstaben, und selbst wenn man das < ß> und die Umlautzeichen < Ä>, < Ö> und < Ü> mitzählt, sind es gerade mal 30. Die zu erlernen, können bekanntlich auch Kinder in relativ kurzer Zeit meistern. Wie es dann allerdings mit der Orthografie aussieht, ist eine andere Frage.

Von Kalksteinscherbe bis Computer

Der Germanist Matthias Heine, der erst kürzlich ein sympathisches Büchlein über Tiere in unserer Sprache vorgelegt hat (»Mit Affenzahn über die Eselsbrücke«), zeichnet in diesem Werk die Geschichte des Alphabets nach: von der mutmaßlich »ersten Alphabetfibel der Welt«, einer 3500 Jahre alten Kalksteinscherbe aus dem ägyptischen Theben, bis zu den zahllosen verschiedenen Schriften, die heutigen Computernutzern mit einem Klick zur Verfügung stehen. Herausgekommen ist erneut ein charmant formuliertes und ebenso fakten- wie anekdotenreiches Buch, das die ganze bunte Vielfalt der Alphabetschriften und ihrer Verwandtschaftsverhältnisse vor den Lesern ausbreitet. Heine zeigt, wie Schriften sich entwickeln oder bewusst gestaltet, angepasst, vergessen, abgeschafft oder oktroyiert werden. Ein solcher Stoff kann nie langweilig werden.

Dass sich hier und da ein paar Ungenauigkeiten einschleichen, wenn man einen Zeitraum von gut und gern 4000 Jahren und eine gewaltige Zahl von Sprachen und Kulturen in den Blick nimmt, ist wohl kaum zu vermeiden. Der Hathor-Tempel auf der Sinai-Halbinsel zum Beispiel ist keineswegs »der einzige religiöse Großbau Ägyptens außerhalb des Nildeltas«: Ein Besuch des Karnak-Tempels bei Luxor in Oberägypten gehört zum Pflichtprogramm jedes Ägyptentouristen. Heine meinte vermutlich einfach »Niltal« statt »Nildelta«. Solche Dinge können passieren.

Gravierender ist, dass oft nicht hinreichend deutlich herauskommt, wann von Lauten und wann von Buchstaben die Rede ist. Infolgedessen entstehen Sätze, bei denen zweifelhaft ist, ob sie für einen nicht einschlägig vorgebildeten Leser überhaupt zu verstehen sind. Wenn es etwa heißt, vor 3000 Jahren sei »das G an der Stelle des heutigen C« gewesen und erst die Etrusker hätten »aus dem G ein C gemacht«, so erscheint fraglich, ob jemand, der nicht von vornherein die Hintergründe kennt, mit einer solchen Aussage viel anfangen kann. Allerdings kommt Heine später nochmals auf diesen Sachverhalt zu sprechen, und da wird es dann verständlicher. Derartigen Schwierigkeiten hätte er ganz einfach aus dem Weg gehen können. Es gibt nämlich eine eingeführte Notation: Graphem in spitzen Klammern, Phonem in Schrägstrichen, und schon ist die Sache klar.

Im Grunde ist bereits das Wort »Laut« in diesem Zusammenhang zu unpräzise, und damit geht ein weiteres Problem des Buchs einher. In einer Alphabetschrift stehe nämlich, so Heine »idealerweise jedes Zeichen für einen Laut«; unterschiedliche Schreibungen für identisch lautende Wörter (wie »Wal« und »Wahl«) würden vor allem als »Komplikation« wahrgenommen. Sie machen den Lesern jedoch das Leben leichter! Trotz identischer Lautung werden etwa der »Rat« und das »Rad« unterschiedlich geschrieben; hier waltet das Prinzip der Morphemkonstanz, das uns davor bewahrt, »Fahrrat«, aber »Fahrräder« schreiben (und lesen) zu müssen. Für den Leser ist dieses Prinzip ein Segen. Auch umgekehrt kann es ganz unproblematisch sein, wenn man nämlich unterschiedliche Laute gleich schreibt. Der mit < CH > bezeichnete Laut im deutschen Wort »ich« ist rein phonetisch etwas anderes als der ebenfalls < CH > geschriebene Laut in »ach«. Beides sind stimmlose Reibelaute, lediglich der Artikulationsort ist unterschiedlich. Entscheidend dafür, welcher es denn jeweils sein darf, ist einfach nur der vorhergehende Vokal; in sprachwissenschaftlicher Terminologie würde man sagen, beide Laute seien stellungsbedingte Allophone ein- und desselben Phonems.

In der Schrift nun unterscheiden wir diese beiden Allophone nicht. Wozu auch? Es drohen keine Missverständnisse, und jeder Muttersprachler wird die Wörter, die dieses Phonem enthalten, bei lautem Lesen automatisch korrekt artikulieren. Es ist kein Defizit, sondern im Gegenteil höchst ökonomisch, wenn die Schrift sich mit solchen Details nicht aufhält. Wenn Heine eine eindeutige Laut-Buchstabe-Zuordnung als Ideal vertritt, müsste er also zuerst einmal klären, was genau er denn unter »Laut« verstehen will. Wenn man wirklich auf phonetische Exaktheit Wert legte, käme eigentlich nur das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) in Frage – das, wie Heine selbst schreibt, »einzige System, in dem die Grundidee jeder Alphabetschrift, jeden Laut durch ein Zeichen darzustellen, perfekt verwirklicht ist«. Das IPA verfügt über 107 Zeichen plus 31 Diakritika plus 19 Zeichen für Suprasegmentalia (zum Beispiel Länge, Ton, Intonation) und ist damit der Schrecken jedes Linguistikstudenten. Den entscheidenden Vorteil gängiger Alphabetschriften, nämlich das übersichtliche Zeichenrepertoire, kann es jedenfalls nicht für sich in Anspruch nehmen. Außerdem würde es für Sprachen wie das Deutsche mit seinem Reichtum an regionalen Aussprachevarianten die großräumige schriftliche Kommunikation stark erschweren.

Nun ist es nicht Heines Absicht, das ultimative schriftlinguistische Referenzwerk abzuliefern. Da ist es nachvollziehbar und legitim, wenn er versucht, die Leser möglichst wenig mit linguistischer Fachterminologie zu behelligen. Allerdings geht dieser Verzicht an manchen Stellen zu Lasten der Präzision und Klarheit und hat dann auch problematische Werturteile darüber gezeitigt, wie eine Alphabetschrift idealerweise zu funktionieren habe. Doch es mag sein, dass jemand, der sprachwissenschaftlich vorbelastet ist, solche Unschärfen zu wichtig nimmt. Spannend und unterhaltsam ist Heines alphabetgeschichtliche Reise allemal.

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