»Das Buch der Vögel«: Gefiederte Wunderwesen
Unser Himmel ist leerer geworden. Ein großes Sterben ist in den letzten Jahrzehnten vor sich gegangen. In Nordamerika gibt es heute drei Milliarden Vögel weniger als noch vor einem halben Jahrhundert, in Europa sind es 500 Millionen. Aber wir merken es kaum. Denn das »Shifting Baseline Syndrom« sorgt dafür, dass wir schleichende Umweltveränderungen oder -degradierungen über längere Zeiträume kaum wahrnehmen. So hält beispielsweise jede Generation den Zustand der Umwelt in ihrer Jugendzeit für normal. Und von diesem Punkt ausgehend erscheinen dann Naturverluste in späteren Jahren oftmals als gering.
Längere Zeiträume werden somit ausgeblendet. Und damit auch diese Wirklichkeit: Inzwischen sind von den etwa 260 ehemals in Deutschland heimischen Vogelarten über 100 im Bestand gefährdet, und mehr als ein Dutzend ist bereits ausgestorben. Selbst der Bestand des überall präsent erscheinenden Haussperlings hat sich in den letzten 40 Jahren halbiert. Allerdings hat dieses Wissen nicht dazu geführt, dass wir unsere Vogelwelt schützen. Immer noch werden Bruträume vernichtet, Hausfassaden verspiegelt, Wälder gerodet, Böden versiegelt oder mit Monokulturen bepflanzt – und die Rückzugsräume zahlreicher Vogelarten werden immer geringer. Vögel sind halt Vögel, unsere Wahrnehmung ist da meistens recht simpel. Adler bewundern wir zwar, Rotkehlchen finden wir niedlich, und über Störche freuen wir uns. Aber ansonsten sehen wir Vögel überwiegend als eine unterschiedslose Masse an.
Die Poesie des Einzelnen
Das wunderbare Buch der Illustratorin Jackie Morris und des bekannten Naturschriftstellers Robert Macfarlane setzt genau bei diesem Mangel an Nähe und Differenzierung an. »Das Buch der Vögel« ist trotz einiger Tabellen zu Vogelgrößen, Flügelspannweiten, Lebensräumen und Lebenserwartung kein Bestimmungsbuch voller nüchterner Fakten, sondern versucht, die Vogelarten in ihren jeweiligen Besonderheiten zu fassen.
Die Vogeldarstellungen von Jackie Morris sind ungewöhnlich und von einer poetischen Kraft, die sich in farbigen und ausdrucksstarken Aquarellen entfaltet. Auch Macfarlane besingt die Vögel eher, als dass er sie beschreibt. Beides lädt dazu ein, sich mit dem jeweiligen Federvieh zu identifizieren. Nicht die abstrakte Frage, um welche Vogelart es sich jeweils handelt, steht im Vordergrund, sondern der Wunsch, zu erfahren, »wer« dieser Vogel ist. Das führt zu ausufernden, oft stark vermenschlichenden Schilderungen, die von dem einen oder anderen Leser vielleicht auch als kitschig empfunden werden – wenn etwa der Star als Mitglied einer lärmenden, geschwätzigen, tratschsüchtigen Bande, der Kuckuck als unheimlich und arglistig, Spatzen als Rasselbande von Straßenkindern oder Sperber als fliegende Killer anderer Vögel präsentiert werden.
49 Arten und sieben Wunder
So werden insgesamt 49 Vogelarten in sieben Gruppen vorgestellt, unterbrochen von sieben »Wundern«, wie Macfarlane sie nennt; Wunder, die zusammenhängen, beginnend mit dem Nest. »Nest birgt Ei, Ei birst durch Schnabel, Schnabel formt Gesang, Gesang erhebt sich von Feder, Feder schwingt sich auf als Flug, Flug wandert als Vogelzug.« Wie weiß der Vogel, wie er ein Nest zu bauen hat? Wie fühlt es sich an, aus einem Ei zu schlüpfen? Wie entsteht der Vogelgesang, und warum singen manche Vögel so schön wie die Nachtigall, während andere nur ein übles Krächzen hervorbringen? Und wie schließlich orientieren sie sich beim Vogelzug?
Es sind 49 Vogelporträts, die uns etwas lehren: genau hinzusehen, Vielfalt und Unterschiede wahrzunehmen, zu staunen. Zu spüren, was verloren gehen kann; und vielleicht führt dieses Gefühl dann dazu, dass wir handeln. Hoffentlich.
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