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Erfundene Geschichte

Märchen und Legenden, die mit der Zeit des Nationalsozialismus verbunden sind, haben bis heute überdauert. Ein britischer Historiker nimmt fünf von ihnen Stück für Stück auseinander.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Ob Computerchips im Corona-Impfstoff, Echsenmenschen in der Bundesregierung oder klimamanipulierende Kondensstreifen am Himmel – all diese Erzählungen finden heute ihre Anhänger. Doch sind sie bei Weitem kein Phänomen der Gegenwart. Auch während der Zeit des Nationalsozialismus hatten solche konstruierten Erzählungen mit Wahrheitsanspruch bereits einen nicht unerheblichen Einfluss. Manche von ihnen sorgen bis heute für Diskussionen.

Von Weltherrschaft zu Geheimorganisationen

Der britische Historiker Richard J. Evans hat nun einige von ihnen in seinem neuen Buch zusammengefasst. Evans, der vor seiner Emeritierung an der University of Cambridge geforscht und gelehrt hat, gilt als ausgewiesener Experte der deutschen Geschichte, insbesondere der Zeit des Nationalsozialismus. Für sein klar gegliedertes Buch hat er fünf eng mit dem Dritten Reich verbundene Mythen gewählt, die er in zwei Gruppen aufteilt: Während systematische Verschwörungstheorien erklären sollen, dass einzelne Gruppen durch ihre Aktivitäten die (Welt-)Herrschaft an sich reißen wollen, sind in Ereignisverschwörungstheorien bestimmte Geheimorganisationen für konkrete Ereignisse verantwortlich – entgegen den historischen Erklärungen.

So befasst sich Evans mit den »Protokollen der Weisen von Zion« – ein Pamphlet, das die Hintergründe einer erfundenen jüdischen Weltverschwörung präsentiert – sowie der so genannten Dolchstoßlegende, der zufolge vor allem linke Bewegungen für die Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich gewesen seien, da sie die Moral im Land untergraben hätten. Zur zweiten Kategorie gehört der Reichstagsbrand im Februar 1933, der höchstwahrscheinlich von einem Einzeltäter gelegt wurde, für den die Nazis aber in einer eigenen Verschwörungserzählung politische Gegner verantwortlich machten, die sie nach einer eilig verabschiedeten Notverordnung in großer Zahl verhafteten. Das löste wiederum eine Verschwörungstheorie auf der Gegenseite aus, nach der die Nazis für den Brandanschlag verantwortlich waren, um ihre Machtübernahme zu beschleunigen. Auch der rätselhafte Flug von Rudolf Heß nach Schottland im Mai 1941 beflügelte vor allem rechte Kräfte dazu, eine geheime Friedensmission im Auftrag Hitlers zu konstruieren, die der britische Premierminister Churchill abgelehnt habe und deshalb für die Weiterführung des Kriegs verantwortlich sei. Besonders abstrus werden die Beweisführungen schließlich bei der Verschwörungstheorie, Hitler habe den Krieg überlebt und sei aus Berlin geflohen – entweder nach Argentinien oder sogar in die Antarktis.

Dabei erfahren die Leserinnen und Leser durchaus Erhellendes über die historischen Hintergründe einzelner Theorien. Besonders detailreich und eindrücklich berichtet Evans etwa über die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der antisemitischen Hetzschrift und die Geschehnisse rund um den Reichstagsbrand.

Der renommierte Historiker seziert jeden dieser Mythen sehr genau, beweist geduldig und souverän, warum die alternativen Fakten schlicht falsch sind, und zeigt dabei die immer gleichen Muster auf, mit denen die Verschwörungstheoretiker ihre Thesen zu untermauern versuchen: Wichtige Dokumente und Beweisstücke fälschen sie schlicht oder sie behaupten, diese seien auf mysteriöse Weise verloren gegangen oder würden unter Verschluss gehalten. Entscheidende Zeugen seien spurlos verschwunden oder zum Schweigen gebracht worden. Im Gegenzug werden winzige Details als entscheidende Indizien überbewertet und Ereignisse miteinander verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben. Zufälle erhalten plötzlich stringente Sinnhaftigkeit. Dabei neigen die Protagonisten der »alternativen Geschichtserzählung« dazu, sich gegenseitig zu zitieren, »weil sie ernsthafte Historiker als ›offiziell‹ oder ›traditionell‹ betrachten, weshalb sie deren Arbeiten über Themen wie den Heß-Flug ignorieren zu können meinen«, wie Evans schreibt.

Die Ausführungen – und nicht zuletzt die umfangreiche Literaturliste – beweisen, dass der Autor mit seiner Materie sehr gut vertraut ist. Für die eine oder andere Lektüre verquerer Veröffentlichungen möchte man ihn fast bemitleiden. Doch Evans erzählt und zitiert dabei nicht ohne Ironie – vor allem im Kapitel über Hitlers vermeintliches Überleben.

Der Historiker selbst liefert schließlich auch die einzige wohl wirksame Maßnahme gegen solche falschen Erzählungen, nämlich »sorgfältige, akribische Arbeit«. Doch das allein genügt heute vielleicht nicht mehr. Man muss die Ergebnisse dieser Arbeit auch zugänglich und vermutlich sogar unterhaltsam vermitteln, damit sie eine breite Wirkung entfalten und ein großes Publikum erreichen. Richard J. Evans liefert mit seinem Buch dafür ein äußerst gelungenes Beispiel.

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