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Aalstaunliches

Lange Zeit war umstritten, ob Aale überhaupt Fische sind. Dieses Buch stellt die spannende Geschichte ihrer Erforschung vor.

Kann man ein ganzes Buch über eine Fischart schreiben? Noch dazu über eine wie den Aal, der keine große wirtschaftliche Bedeutung hat und auch sonst auf den ersten Blick nicht mit Superlativen aufwarten kann? Tatsächlich gelingt dem schwedischen Journalisten Patrik Svensson dieses Kunststück in »Evangelium der Aale« sehr überzeugend. Schnell wird klar, dass am Aal – genauer am Europäischen Aal (Anguilla anguilla) – mehr dran ist, als die meisten denken. So bergen die Tiere trotz immer besserer wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden bis heute manches Geheimnis. Kein Wunder, dass Aale in antiken Mythen genauso vorkommen, wie sie in der modernen Literatur eine Rolle spielen.

Schon seit jeher haben die wurmähnlichen Wasserbewohner den Menschen fasziniert. Bereits in der Antike studierte Aristoteles sie und wunderte sich darüber, keine Geschlechtsorgane finden zu können. Waren Aale also überhaupt Fische? Aristoteles vermutete, sie würden nicht geboren, sondern in einer Art Spontanzeugung dem Schlamm entspringen.

Vom Aal gezeichnet

Zahllose weitere Forscher widmeten sich in den folgenden Jahrhunderten der »Aalfrage«, der Suche nach den geschlechtsreifen Tieren und vor allem ihrem Laichort. Svensson zeichnet diese Entdeckungsreise anhand von diversen Forscherpersönlichkeiten nach – darunter überraschenderweise alte Bekannte wie Sigmund Freud, der als junger Mann an der »Aalfrage« scheiterte. Dieser Misserfolg könnte mit ein Grund dafür gewesen sein, warum Freud sich später ausgerechnet der Psychotherapie zuwandte, wie Svensson überzeugend dargelegt. Auch Rachel Carson, frühe Umweltschützerin und Autorin des weltweit bekannten Klassikers »Der stumme Frühling«, hat in ihren frühen Jahren als Meeresbiologin über Aale geschrieben und mittels des Tricks der Vermenschlichung die rätselhaften Tiere den Menschen nähergebracht.

Inzwischen wissen wir recht viel über Aale, kennen ihre Metamorphosen von der kleinen Weidenblattlarve über den Glasaal zum Gelb- und schließlich zum geschlechtsreifen Blankaal – aber auch die vermutlichen Laichgründe in der Sargassosee, einem Atlantikgebiet vor der Küste Floridas, das nur von Meeresströmungen begrenzt wird. Freilich hat bis heute noch kein Forscher einen Aal beim Laichen beobachtet. Und es tauchen neue Fragen auf, etwa warum die Bestände des Europäischen Aals in letzter Zeit so besorgniserregend zurückgegangen sind.

Das »Evangelium der Aale« ist ein Stück Wissenschaftshistorie, in dem zwei Geschichten kunstvoll miteinander verwoben sind: jene der Aalforschung sowie Svenssons eigene Familiengeschichte. Bindeglied ist Svenssons Vater, mit dem der Autor die Leidenschaft für Aale und das Fangen derselben teilte. Daneben ist das Buch voll von literarischen Bezügen, Mythen und kulturgeschichtlichen Betrachtungen rund um den Aal, die deutlich machen, welche Faszination die Fische schon immer auf den Menschen ausübten. So fanden sie Eingang in Günter Grass' bekanntestes Werk »Die Blechtrommel«. Von der ersten Seite an zieht Svenssons fundiert recherchiertes Werk seine Leser in den Bann des Geheimnisvollen. Eine wunderbare Synthese aus Literatur, Wissenschaftsgeschichte und Zoologie.

04/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04/2020

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