»Das ewig hilfreiche Kind«: Kindheit als Echokammer
»Tatsächlich dauert die Entwicklung vom Baby bis zum Erwachsenen mit voll entwickeltem Denken, Handeln, Fühlen und körperlichem Sein in etwa bis zum 25. Lebensjahr«, erklärt die Psychologin Jana Hauschild in ihrem Buch, das sich dem Thema Parentifizierung widmet. Um in diesem Zeitraum unseren persönlichen Kompass zu entwickeln, brauchen wir vor allem im Kindesalter liebevolle Beziehungen, Sicherheit und entwicklungsgerechte Erfahrungen. Parentifizierung stehe dieser Entwicklung dadurch im Weg, dass es durch sie zu einem unangemessenen Rollentausch zwischen Kindern und Eltern komme. Er kann sich etwa einstellen, wenn Kinder gleichsam instrumentalisiert werden, indem sie zu früh sehr viele praktische Tätigkeiten im Haushalt übernehmen müssen. Besonders schwer für Kinder wiege aber oft emotionale Parentifizierung. Dann versuchen sie, durch ihr Verhalten die Emotionen der Eltern zu regulieren oder sich ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung zu verdienen.
Die Risikofaktoren für Parentifizierung seien in unserer Gesellschaft verankert und bekannt, betont die Autorin; etwa Kriegstraumata, die über Generationen weitergegeben werden, soziale Benachteiligung oder psychische Krankheiten der Eltern. Der Begriff selbst ist allerdings noch nicht sehr weitverbreitet, auch wenn bereits einige Krankenkassen über das Phänomen informieren. Es gebe auch noch keinen allgemeingültigen Grenzwert, der bestimme, ab wann eine Rollenumkehr schädlich sei. Auch Jana Hauschild definiert in ihrem Buch keine klare Grenze, zeichnet aber ein klares und differenziertes Gefühl der möglichen Dynamiken und Folgen einer Parentifizierung, die eine vulnerable Kinderseele nachhaltig überfordern können. Dafür nutzt sie sehr unterschiedliche Quellen: aktuelle Studien und Überblicksarbeiten zum Thema, Kongressbeiträge, Reddit-Posts, Gespräche mit Psychotherapeuten und vor allem viele Interviews mit Betroffenen.
Zu früh eine zu große Verantwortung
Die wissenschaftliche Präzision in den Aussagen der Autorin beeindruckt ebenso wie ihre Sensibilität bei der Vermittlung ihrer Erkenntnisse. Ihren Lesern erläutert sie Fachbegriffe, gegenüber ihren Interviewpartnern agiert sie einfühlsam und bedankt sich immer wieder für deren Vertrauen. Außerdem gibt sie nicht einfach deren Aussagen wieder, sondern schafft auch Raum für ihre Reaktionen auf das, was sie zuvor selbst zu Protokoll gegeben haben. So entstehen intensive Geschichten über Kinder, die bereits in ihrer Grundschulzeit die kleinen Geschwister in den Kindergarten bringen und weinend am Zaun zurücklassen müssen; über Abendessen, Einkäufe und Arztbesuche, die schon in jungem Alter für die ganze Familie gemanagt werden, sowie über Verluste, Trennungen und Krankheiten, für welche die Kleinsten in der Familie sich verantwortlich fühlen, weil sie die Komplexität solcher Phänomene noch nicht verstehen können.
Die Konsequenzen dieser verdrehten Dynamiken wirken oft bis ins Erwachsenenalter hinein und reichen von einem mangelnden Gespür für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse bis hin zu Beziehungen, in denen Betroffene glauben, sich Liebe und Zuwendung immer wieder aufs Neue verdienen zu müssen. Nicht zuletzt sei es die Trauer über die eigene verlorene Kindheit, die viele beschäftige.
Ambivalenter Stolz
Das Buch enthält viele intensive Bilder, die Betroffene für ihr Innenleben gefunden haben: einen Container, eine Echokammer, einen Schmetterling, der seine Flügel nicht ausbreiten kann, oder ein Blatt, das sich haltlos im Wind bewegt. Viele der Interviewten waren in ihrer Kindheit aber auch stolz darauf, dass sie sich schon früh auf Augenhöhe mit ihren Eltern befanden; ein Stolz, der natürlich und gerechtfertigt sei, wie Hauschild hervorhebt. Trotzdem stehe er oft auf einem unsicheren Fundament und sei vor allem auch Überlebensstrategie und diene dem Selbstschutz. Auch die durch eine Parentifizierung besonders ausgeprägte Feinfühligkeit sei eine »unter Hochleistung geschliffene Fertigkeit«, wie der österreichische Psychotherapeut Raphael Höfinger es formuliert – einer der vielen fachlichen Beiträge, die Hauschild mit den persönlichen Geschichten der Betroffenen verwebt.
In einer Welt, in der Überangepasstheit und frühes Erwachsenwerden belohnt werden, mache es dieses Feingefühl nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch ihren Mitmenschen schwer, zu erkennen, welcher Schmerz sich dahinter verbirgt. Oft vergehe viel Zeit, bis erstmals Unterstützung in Anspruch genommen werde. So sind es nicht nur individuelle Hilfsstrategien, die Hauschild am Ende ihres Buchs präsentiert. Sie ruft auch dazu auf, auf gesellschaftlicher Ebene bessere Schutzstrukturen zu schaffen. Die Psychologin wünscht sich mehr Kinderschutzkonzepte – nicht nur in Kliniken, wo sie in Deutschland mittlerweile Pflicht sind, sondern auch in Anwaltskanzleien und Familiengerichten. Außerdem plädiert sie dafür, dass Psychotherapeuten im Umgang mit psychisch erkrankten Eltern ein stärkeres Bewusstsein für Parentifizierung entwickeln. Auch jeder von uns, der mit überlasteten Eltern und Kindern in Berührung komme, sei gefordert: »Es sind oft kleine Gesten oder einzelne Gespräche, die schon viel bewirken können«, so Hauschild.
Ihr Buch ist im besten Sinne eine große Geste: Denn es ist zugleich eine wertvolle Sammlung persönlicher Erfahrungen wie auch ein wichtiger wissenschaftlicher Beitrag zu einem psychischen Phänomen, das allzu oft übersehen oder falsch gedeutet wird.
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