»Das fühlende Gedächtnis«: Die Ökonomie des Erinnerns
Es sei unsere Hardware, mit besonderer Rechenleistung ausgestattet – mit dieser Analogie wird unser Gehirn seit dem Siegeszug der Computer oft umschrieben. Erinnerungen seien demnach wie Dateien, die auf unserer Festplatte, dem Gedächtnis, gespeichert sind.
Laut Ciara Greene und Gillian Murphy ist dieses technologisierte Erklärungsmodell des Gehirns nicht nur Ausdruck einer bestimmten Zeit – es vermittle auch völlig falsche Vorstellungen davon, wie unser Gedächtnis funktioniere: »Weil viele Menschen von der Computermetapher ausgehen, glauben sie, dass unser Gedächtnis nichts anderes ist als ein Ablagesystem, in dem wir Erinnerungen an jedes unserer Erlebnisse archivieren; die einzige Schwierigkeit bestünde demzufolge darin, Zugang zu den einzelnen Erinnerungen zu erhalten.«
Dynamisches Gedächtnis
Laut den Psychologinnen würde ein solches realitätsgetreues Erinnern allerdings viel zu viel Energie verbrauchen. Diese wisse unser Gehirn anderweitig zu nutzen, etwa, um flexibel auf seine Umwelt zu reagieren, zu lernen und die Zukunft zu gestalten. Stattdessen rekonstruierten wir eine Erinnerung jedes Mal aufs Neue, wenn wir sie hervorrufen, setzten sie also bis zu einem gewissen Grad immer wieder neu zusammen – und zwar vor allem so, wie es uns in der Gegenwart dienlich sei. Dabei bemerkten wir oft gar nicht, dass wir unsere Erinnerungen veränderten, dass wir einige Bestandteile hinzufügten und andere verschwinden ließen.
Dass wir wiederum Details aus unseren Erinnerungen schlicht vergessen, hat laut Greene und Murphy verschiedene Funktionen. Demnach entlasteten wir dadurch unser Gehirn, weil es sich nur an die für uns wirklich wichtigen Dinge erinnere, und stärkten zugleich unsere Identität: »Das Vergessen leistet einen wichtigen Beitrag zu einem stabilen Selbstbild, weil es im Stillen alles entsorgt, woran wir nur ungern erinnert werden.« All das hat aber nicht nur Folgen für unser Selbst, sondern auch für unser gesamtes gesellschaftliches Zusammenleben: Den Autorinnen zufolge modifizieren wir unsere Erinnerungen auch deswegen unbewusst, weil wir unser bisheriges Bild von der Welt und unsere Überzeugungen durch sie bestätigt sehen möchten.
Die Tücken des Erinnerns
Dabei nehmen die Autorinnen vor allem die Konsequenzen in den Blick, die diese komplexen Prozesse beim Erinnern für strafrechtliche Ermittlungen haben können. Ihre Kernthese lautet: »Zeugen, Polizeibeamte oder Gerichte haben oft zu viel Vertrauen in das menschliche Gedächtnis und verlangen ihm völlig unrealistische Dinge ab.« So komme es bei Verhören beispielsweise zu sogenannten Fehlinformationseffekten – Erinnerungen werden durch nachträgliche Informationen verändert, etwa durch die Ermittlungen selbst, oder gar komplett verfälscht. Spätestens hier offenbart sich laut den Autorinnen, wie »ethisch sensibel« die Gedächtnisforschung und insbesondere auch die psychologische Gutachterpraxis ist: »[W]ir behaupten ausdrücklich nicht, dass Erinnerungen grundsätzlich falsch sind, oder dass man Opfern keinen Glauben schenken sollte, sondern wir empfehlen lediglich, Erinnerungen genauso zu behandeln wie andere Beweismaterialien, die kontaminiert werden und unzuverlässig sein können.«
Ciara Greene und Gillian Murphy gelingt in ihrem Buch ein schwieriger Spagat: Anhand vieler Beispiele regen sie eine durchaus brisante Fachdebatte über die Potenziale und Grenzen unseres Gedächtnisses an; gleichzeitig vermitteln sie ganz grundlegend, wie unser Gedächtnis funktioniert und welche Bereiche des Gehirns dafür zuständig sind. Komprimiert, aber sehr anschaulich haben die Autorinnen diesen Wissenstransfer angelegt – ein Buch, dem man eine breite Leserschaft wünscht.
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