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Gefährliche Ideologie?

Dieses Buch wird sicher Kontroversen auslösen: Die "Frau-gleich-Mann-Irrlehre" entstelle den Sinn von Schlüsselbegriffen wie Sex und Gender, kritisiert der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera.
Ist es ein weiblicher Mann oder eine männliche Frau oder keines von beiden. Nicht immer sind Geschlechter eindeutig definiert - weder im biologischen noch im gesellschaftlichen Sinn.

Der Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera hat schon einige Bücher geschrieben. Dieses ist davon das Packendste. Das liegt nicht an Kutscheras Schreibstil: Er verschandelt seine Nomen mit banalen Adjektiven, wiederholt sich, und der Text scheint hastig heruntergeschrieben worden zu sein. Der Autor hat ja auch wenig Zeit: Er forscht in Kassel und Stanford und arbeitet nebenher als Studiomusiker und Komponist.

Wenn das Buch dennoch fesselt, so liegt das am Inhalt. Es geht um Gender-Mainstreaming (GM), einen unscharfen Begriff, der häufig interessengeleitet benutzt wird. Kutschera versteht darunter den Versuch, feministisch assoziierte Ansichten politisch durchzusetzen. Beispielsweise jene, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, frei wählbar und unabhängig von biologischen Gegebenheiten. Für den Autor ist das "irrationale Ideologie" und "pseudowissenschaftliches Hirngespinst ohne faktische Grundlage". GM führe zu gesellschaftlichen Degenerationserscheinungen.

Kutschera stellt dem die Erkenntnisse der Biowissenschaften entgegen. Da kann er Kompetenz vorweisen; jahrzehntelang hat er über das Sexualleben von Schleimpilzen und Plattegeln geforscht. Sein Werk wirkt stellenweise wie ein Lehrbuch der Sexualbiologie und Biologiegeschichte. Er kritisiert, die Gender Studies seien dabei, die Biologie bis zur Unwissenschaftlichkeit zu verwässern.

Der kleine Unterschied

Als Leser bekommt man die Begriffe "Sex" und "Gender" erklärt, ebenso wie die Unterschiede zwischen Frau und Mann. Sie seien genetisch verankert und beträfen etwa Hirnaufbau, Verhalten und diverse körperliche Merkmale. Schon ab dem zweiten Schwangerschaftsmonat programmiere das sry-Gen den Fötus auf "Mann", der dann – also bereits im Mutterleib – mehr Testosteron produziere als weibliche Föten. Auch seien die Geschlechtschromosomonen nicht nur in den Geschlechtsorganen aktiv, sondern in den meisten Körperzellen. Das äußere sich beispielsweise in unterschiedlichen physiologischen Reaktionen auf Arzneistoffe, aber auch in verschiedenen Interessen, etwa hinsichtlich der Berufsvorlieben.

Detailliert geht der Autor auf die Geschichte des Gender Mainstreaming ein. Es beruhe auf den Ideen des Psychologen John Money (1921-2006), die von der US-Philosophin Judith Butler weiterentwickelt und propagiert worden seien. Virulenz hätten diese Gedankenkonstrukte in den 1970er Jahren erreicht, als Teile der Frauenrechtsbewegung – die Kutschera in Wort und Tat unterstützt – eine Synthese mit dem Marxismus eingegangen seien. Seither sei der Feminismus zu einer wirklichkeitsverleugnenden Ideologie verkommen, die buchstäblich über Leichen gehe. So habe Money in dem Bestreben, seine Ideen experimentell zu belegen, die Eltern eines Zwillingspärchens dazu überredet, einen der Zwillinge kastrieren zu lassen, um ihn zum Mädchen umzupolen (dieser versuchte später, das rückgängig zu machen). Zudem habe Money den Kastraten missbraucht und dessen Berichte so zurechtgebogen, dass sie seinen Hypothesen entsprachen. Beide Zwillinge begingen schließlich Selbstmord.

Das ist starker Tobak und macht das Buch zu einem polarisierenden Werk. Der Band fällt aber auch durch verschiedene Unzulänglichkeiten auf. So enthält er zahlreiche überflüssige Passagen. Hätte der Autor sie gestrichen, hätte er Platz gewonnen, um zu analysieren, wieso GM-Befürworter politisch so erfolgreich sein können. Die Erfolge der Gender Studies sind jedenfalls erstaunlich: Ihre Vertreter besetzen an deutschen Universitäten rund 200 Stellen, in Baden-Württemberg hätten sie es beinahe geschafft, ihre Sexualagenda in die Schulen zu tragen.

Schwierige Vergleiche

Ständig bemüht sich der Autor darum, Analogien zwischen GM und dem Kreationismus herzustellen. Das wirkt oft wie an den Haaren herbei gezogen, da es weder inhaltlich noch personell nennenswerte Überlappungen zwischen beiden gibt. Auch lässt es Kutschera gelegentlich an Sorgfalt mangeln. So bezeichnet er die Nachkommen des hermaphroditischen (zwittrigen) Plattegels als Klone, obwohl sie sich hinsichtlich ihres Erbguts unterscheiden. Dem Evolutionsbiologen ist das natürlich bekannt; auf Nachfrage teilte er mit, er habe vergessen, die "Klone" in Anführungszeichen zu setzen. An anderer Stelle schreibt er richtig, Pflanzen synthetisierten weit mehr Substanzen als Tiere, gibt deren Zahl jedoch mit "tausende" an. Es sind eher Millionen.

Heikles Gebiet betritt Kutschera, wenn er behauptet, die männliche Homosexualität sei genetisch festgelegt. Er verweist auf Zwillingsstudien und auf Untersuchungen zur Häufigkeitsverteilung von Homosexualität unter Verwandten. Diese Arbeiten liefern tatsächlich Indizien für eine entsprechende genetische Komponente. Bis jetzt wurde jedoch kein genetischer Marker gefunden, der mit Homosexualität einhergeht, und das Ausmaß des erblichen Anteils ist noch offen; der Gegenstand bedarf also weiterer Forschung. Bei Kutschera gewinnt man jedoch den Eindruck, die männliche Homosexualität sei allein und vollständig vom Genom gesteuert und dies sei über jeden Zweifel erhaben.

"Das Gender-Paradoxon" weist Mängel auf und wird die Gemüter erregen, ist aber trotzdem informativ und kurzweilig. Sein Hauptwert dürfte darin liegen, dass der Autor nicht davor scheut, unbequeme Fakten vorzulegen.

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