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Schwächliche Vernunft

Der Physiker Gerd Ganteför befasst sich mit der triebhaften Natur des Menschen.

Der Experimentalphysiker an der Universität Konstanz, Gerd Ganteför, erlangte besondere Aufmerksamkeit mit seinem Buch »Wir drehen am Klima – na und?« (2015). In seinem neuen Werk versucht er, das menschliche Wesen zu ergründen, und fragt danach, was das menschliche Verhalten beeinflusst. Welche Rolle spielen Instinkte und archaische Verhaltensmuster, und inwieweit ist eigenständiges Handeln möglich? Wie beeinflussen das soziale Gefüge und die daraus entstehenden Dynamiken unser Verhalten? Der Autor kontrastiert Ergebnisse aus der tierischen Verhaltensforschung mit Erkenntnissen aus soziologischen Studien und arbeitet Verhaltensmuster heraus, die sich bei Tieren und Menschen ähneln. Zudem erläutert er den Einfluss des Herdentriebs auf Religion, Philosophie und Ideologien und warnt vor Gefahren für die Demokratie.

Der Mensch sei stark von seinem animalischen Erbe beeinflusst, so Ganteför. Kognitive Prozesse beim Menschen seien zu nicht weniger als einem Drittel von Trieben, Instinkten und Emotionen geleitet. Insbesondere der Herdentrieb beeinflusse das Sozialverhalten des Menschen maßgeblich. Das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft, Hierarchie und Kontrolle stelle die Basis für das Grundprinzip aller Gemeinschaften dar, gleichzeitig sei es jedoch auch der Grundstein für die Entstehung von totalitären Gemeinschaften und fundamentalistischen Religionen. Die Fähigkeit zum kritischen Denken, zu dem ausschließlich der Mensch fähig ist, falle hier leicht dem Dogmatismus zum Opfer. Umso wichtiger sei es laut Ganteför, das Leben als eigenständiges kritisches Individuum mit jenem in der Gemeinschaft zu verbinden, ohne dabei seine Mündigkeit aufzugeben. Auch sei es heute einfach wie nie, sich über das Internet Informationen zu verschaffen, gleichzeitig jedoch gingen ständig Gefahren von Falschinformationen und ungefilterten Meinungsäußerungen Einzelner aus. Die Demokratisierung der Information gehe also mit einer gleichzeitigen Gefährdung derselben einher.

Abgestufte Wertigkeit

Ganteför vergleicht Prinzipien von Tiergemeinschaften mit Mechanismen, die etwa in Diktaturen, Unternehmenskulturen oder Monarchien zum Tragen kommen. Gemein sei ihnen häufig eine strenge hierarchische Gliederung. So bilde sich bereits in Kindergartengruppen eine Hierarchie heraus, in denen einzelne Kinder bestimmten, was gespielt werde und wer sich unterzuordnen habe. Das immanente Verlangen nach Rangordnungen äußere sich auch, wenn der beste Abiturient oder die bedeutendste wissenschaftliche Errungenschaft herausgestellt werde. Auch würden im Internet zugängliche Informationen in eine lineare Hierarchie gepresst, da etwa die Reihenfolge von Google-Treffern eine abgestufte Wertigkeit der Informationen suggeriere.

Schon frühe Vordenker und Philosophen hätten erkannt, dass die triebhafte Natur des Menschen gleichzeitig Ursache seines Leids sei, so Ganteför. Auch ein Blick in die Weltreligionen zeige, dass Instinktsteuerung hier in die Entstehung von hierarchischen und kontrollierten Gesellschaften münde. Der Autor sieht Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie, so könne das Grundbedürfnis nach Gemeinschaft zur Entstehung gefährlicher Parallelgesellschaften führen. Ganteför appelliert, das kritische Denken müsse durch eine Kultur der Meinungsvielfalt und hochwertige Schulbildung gestärkt werden. Das Streben nach Gemeinschaft, Überlegenheit und Macht und die damit verbundene Ausbildung von Rangordnungen stehe dem Ideal einer freien Gesellschaft mit Gleichberechtigung entgegen.

Zugleich räumt Ganteför ein, dass Hierarchien auch stabilisierend auf Gemeinschaften einwirken. Hier wäre wünschenswert gewesen, der Autor hätte seine Vorstellungen von einem sinnvollen Mittelweg deutlicher aufgezeigt. Er schließt seine Ausführungen mit einem Appell an die Politik und die Bürger, das Demokratiebewusstsein zu fördern. Kriege und Diktaturen seien ein Beleg dafür, dass in der Vergangenheit die animalische Seite des Menschen zu oft die überlegenere gewesen sei. Unbeantwortet lässt er, wie eine Gesellschaft aussähe, die einerseits nach mehr Demokratie strebt, andererseits sich aber mit der instinktgesteuerten animalischen Seite des Menschen arrangieren kann.

Dem Autor gelingt es stellenweise durchaus überzeugend, Aspekte menschlichen Verhaltens in Trieben, Instinkten und Emotionen zu begründen. Allerdings erscheint es zu kurz gegriffen, beispielsweise das Streben nach Hierarchie in Unternehmenskulturen allein mit eben diesen Kulturen zu begründen. Hier wäre es wünschenswert gewesen, auf den Einfluss und die Gefahren einer kapitalistisch geprägten Leistungsethik sowie der sozialen Ungleichheit einzugehen. Ganteför bleibt hier und da an der Oberfläche und belegt seine Äußerungen nicht immer hinreichend, dennoch kann sein Buch allen Anregungen bieten, die sich mit der Freiheit des menschlichen Handelns auseinandersetzen möchten – sowohl auf philosophischer, sozialer als auch biologischer Ebene.

51/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2018

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