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»Das große Buch der Astronomie«: Schwergewichtige Schönheit

In beeindruckenden Bildern und verständlichen Texten präsentiert dieser Atlas das Universum. Als Begleiter bei eigenen Beobachtungen ist er aber schlicht zu schwer.

Ein berühmtes Bonmot des amerikanischen Physikers Richard Feynman (1918–1988) beginnt mit dem Verweis auf die Aussage eines Dichters, das ganze Universum stecke in einem Weinglas. Der vorliegende, laut Untertitel »ultimative« Atlas des Universums bringt das Gewicht von drei Flaschen Wein auf die Waage: stolze 2,8 Kilogramm. Lohnt sich dieser Kraftaufwand für den Leser?

In sieben Kapiteln stellt das Buch, das unter dem renommierten Label des »National Geographic« erschienen ist, die Astronomie dar. Nach einem kurzen Vorwort und einer Gebrauchsanweisung (!) widmen sich jeweils rund 260 Gramm des Buchs den Sternen (Kapitel 1) sowie den drei elementarsten Himmelskörpern Sonne, Mond und Erde (Kapitel 2). 470 Gramm beanspruchen die anderen Körper des Sonnensystems in Kapitel 3. Kapitel 4 stellt Sternkarten und Karten der Sternbilder zur Verfügung und ist mit 740 Gramm der schwerste Teil des Buchs. Die amateurastronomische Beobachtung von himmlischen Sehenswürdigkeiten in Kapitel 5 muss sich dagegen mit 260 Gramm begnügen. 270 Gramm sind es dann für Kapitel 6, in dem es um historische astronomische Stätten wie Pyramiden oder Stonehenge geht sowie um den heutigen Astrotourismus. Die moderne astronomische Forschung in Kapitel 7 trägt weitere 360 Gramm bei. Den Rest des Gewichts machen diverse Listen und Register aus.

In diesem hinteren Teil erfährt man dann auch, wer eigentlich das Buch geschrieben hat. Die ersten beiden Kapitel stammen von James Trefil, dem mittlerweile 86 Jahre alten Autor zahlreicher Bücher zu kosmologischen Themen und Lehrstuhlinhaber an der George Mason University mit Sitz in Fairfax (Virginia). Für die anderen Kapitel zeichnen verschiedene Mitarbeiter des Magazins »National Geographic« verantwortlich – und so liest sich das Buch über weite Strecken auch wie ein Wissenschaftsmagazin. Es geht in den Texten nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, vielmehr sind die Erklärungen mit zahlreichen Anekdoten angereichert, die erstaunliche Zusammenhänge aufzeigen und den Leser immer wieder faszinieren. Sie veranschaulichen etwa, wie nah Schönheit und Gefahr bei Sonnenstürmen beieinander liegen.

Tolle Inhalte, aber etwas zu viel Kartenakrobatik

Der großformatige Atlas ist grafisch sehr ansprechend gestaltet. Er bietet viele ganz- oder gar doppelseitige Bilder, kleinere Einschübe mit vertiefenden Erklärungen, außerdem Fotos und Skizzen sowie Seiten, an denen man einfach kleben bleiben muss – wie etwa die Karte, auf der alle bisherigen Raumfahrtmissionen und ihre Reisen durch das Sonnensystem dargestellt sind. Natürlich dürfen hochaufgelöste Aufnahmen aller Planeten und zahlreicher anderer Körper im Sonnensystem nicht fehlen. Für diese inhaltliche und visuelle Leistung ein großes Kompliment!

Zielgruppen des Buchs sind interessierte Laien und Amateurastronomen. So regt der Atlas in Kapitel 5 explizit dazu an, es doch selbst einmal zu versuchen, sich also die Wunder am Himmel direkt anzusehen. Kapitel 4 stellt dazu auch etwas Handwerkszeug zur Verfügung. Allerdings erschließt sich der Sinn der zahlreichen Karten nicht ganz. Zum einen findet man auf jeweils einer Seite Himmelsansichten für alle Jahreszeiten und Himmelsrichtungen für die Nord- und Südhalbkugel der Erde. Diese Seiten können also nur dazu dienen, sich am Himmel zu orientieren. Wie man es aber bewerkstelligen soll, die dunklen Karten nachts gen Himmel zu halten, um Sterne zu identifizieren, bleibt unklar. Und mit ausgestreckten Armen kann man den Atlas kaum halten. Da sind die üblichen, drehbaren Sternkarten doch deutlich praktischer.

Zum anderen werden im entsprechenden Kapitel alle 88 Sternbilder beschrieben: Es zeigt, welche Sterne sich in ihnen finden und welche Deep-Sky-Objekte man als Amateurastronom hier beobachten kann. Das wäre natürlich eine etwas ermüdende Lektüre, würde man es als normalen Fließtext lesen müssen. Andererseits wird man diesen Atlas aus genanntem Grund zum Beobachten aber eher auch nicht mitnehmen, denn hierfür gibt es schlankere Werke. So bleibt nur der Wunsch der Autoren, einen möglichst kompletten Atlas bereitzustellen, als Erklärung dafür, dass sie diesen Teil in ihr Werk aufgenommen haben.

Der größte Nachteil des Atlas ist aber einfach sein Gewicht. Man kann ihn kaum irgendwohin mitnehmen, und beim Lesen im Sitzen wird er einem schnell zu schwer. Aber vielleicht gehört ein ordentlicher Atlas auch einfach auf einen entsprechenden Schreibtisch, wo man die großen, schönen Bilder genießen kann. Und dann findet neben ihm bestimmt auch noch ein Glas guten Weins Platz.

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