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Insekten in Not

Das Insektensterben hält an. Dieses Buch erklärt die Hintergründe ebenso wie die Folgen und macht Lösungsvorschläge.

Viele Menschen haben eine ambivalente Beziehung zu Insekten, sehen sie als lästig an oder fürchten sich sogar vor ihnen. Und es stimmt, dass manche Spezies, wie Kleidermotte (Tineola bisselliella) oder Gemeiner Nagekäfer (Anobium punctatum), viel Schaden anrichten können. »Doch erfüllt jede Art im Ökosystem ihren jeweiligen Zweck«, betont der Biologe und Schmetterlingsforscher Andreas Segerer. Daher sei es nicht an uns zu entscheiden, welche Art überflüssig sei oder nicht. In diesem Buch ruft er dazu auf, konsequent und aktiv etwas gegen das dramatische Insektensterben zu tun.

Wissenschaftlich fundiert führt Segerer eindrücklich vor Augen, welche Folgen der Verlust von Insektenpopulationen hat. Er legt dem eine fundierte Bestandsaufnahme zu Grunde, stellt der Ursachenforschung verschiedene Thesen voran und schlägt schließlich, zusammen mit seiner Mitautorin Eva Rosenkranz, verschiedene Lösungsansätze vor.

Immer weniger Sechsbeiner

75 Prozent Verlust: Diese Zahl war es, mit der das Insektensterben unlängst in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. In Langzeitbeobachtungen hatte der entomologische Verein Krefeld aufgezeigt, dass die Biomasse flugaktiver Insekten in Deutschland in den zurückliegenden 25 Jahren um drei Viertel zurückgegangen ist – und das in mehr als 60 Schutzgebieten. Diese Zahl hat Segerer im Blick, wenn er detailliert auf die Vielfalt und jeweilige Bedeutung der Arten eingeht. Dazu gehört vor allem die Tatsache, dass 90 Prozent der Blütenpflanzen auf Insektenbestäubung angewiesen sind, aber auch, dass Insekten ihrerseits vielen anderen Tieren als Nahrungsquelle dienen. Weniger Insekten heißt daher: weniger Blumenvielfalt; gefährdete Ernten; weniger Vögel, Amphibien und andere Tiere.

Als größte Tiergruppe überhaupt zeichneten sich die Insekten durch begeisternde Vielfalt aus, schreibt Segerer. In Form einer persönlichen Hitliste stellt er einige Kuriositäten kurz vor. Neben dem Superorganismus Honigbiene nennt er unter anderem eine Nachtfalter-Art der Fensterfleckchen (Thyrididae), deren Flügel verblüffend genau einem verrottenden Blatt ähneln, was die Tiere vor Feinden schützt. Fasziniert ist der Autor auch von Rüsselkäfern (Curculionidae), die als wandernde Mini-Ökosysteme eine je nach Käferart unterschiedlich zusammengesetzte Kultur aus Flechten, Moosen, Milben und anderen Organismen auf ihrem Rücken umhertragen.

Ausführlich geht der Autor auf die Auswirkungen der intensivierten Landwirtschaft ein, die als eine der Hauptverursacher des Insektensterbens gilt. Monokulturen, fehlende Hecken und Säume, Überdüngung und Pestizide werden vielen Kerbtieren zum Verhängnis. Wozu die weltweite Freisetzung hochtoxischer Nervengifte wie der Neonikotinoide führt, verdeutlicht Segerer exemplarisch anhand des Sterbens von mehr als 11.000 Bienenvölkern im Rheintal, das durch den Abrieb von gebeizter Mais-Saat verursacht worden war. In einer anderen Untersuchung jüngeren Datums erwiesen sich weltweit gesammelte Honigproben zu 75 Prozent mit diesen Nervengiften belastet. Der Autor kritisiert zu Recht, dass bei der Zulassung von Pestiziden nicht-tödliche Wirkungen und Nebenwirkungen auf Organismen, die gar nicht bekämpft werden sollen, nur unzureichend untersucht würden.

Ebenso relevant für das Insektensterben sind die Urbanisierung und Bodenversiegelung. Hier verweist Segerer unter anderem auf die zunehmende Verkleinerung und Verinselung von natürlichen Ökosystemen, zwischen denen Kerbtiere kaum die notwendigen Verbindungskorridore vorfinden könnten. Was die Folgen des Klimawandels betreffe, die seien in Bezug auf die Insekten und die Artenvielfalt komplex und schwer vorhersagbar. So hätte man erwarten können, dass wärmeliebende Schmetterlingsarten von gestiegenen Temperaturen profitieren. Jedoch trat das Gegenteil ein – die Populationen schrumpften. Der Fachmann führt das darauf zurück, dass andere negative Einflüsse die Folgen der Erwärmung überwogen. Für ihn zeigt der Klimawandel damit besonders deutlich die Vielschichtigkeit des Problems. Segerer übt auch Kritik an Politikern: Von Gesetzes wegen müsse der Staat Belange des Umweltschutzes mit anderen Interessen in Einklang bringen. Doch die Ökonomie-Waagschale wiege fast immer schwerer als die für Ökologie und Artenschutz.

Im zweiten Teil geht es darum, was Politik, Landwirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes jetzt tun müssen und können. Hier kommt Mitautorin Eva Rosenkranz zum Zuge. Druck von unten könne etwas bewirken, ist sie überzeugt. Großes Potenzial sieht sie in den Privatgärten, die flächenmäßig immerhin fast 70 Prozent aller Naturschutzgebiete in Deutschland entsprechen. Durch naturnahe Gestaltung von Gärten lasse sich daher viel gewinnen. Die Palette an praktischen Anregungen reicht vom Verzicht auf chemische Schädlingsbekämpfung bis dahin, den Rasen in Abschnitten zu mähen. Wichtig ist der Autorin auch die Pflanzenauswahl. Über alle Vegetationsmonate verteilt solle möglichst immer etwas blühen. Dazu gibt Rosenkranz eine tabellarische Übersicht über Pflanzenarten, die von Insekten oder deren Larven bevorzugt werden, und deren Blühzeiten.

Das gelungene Nebeneinander von verständlichen wissenschaftlichen Fakten und persönlichen Erfahrungen machen das Buch lesenswert. Dass die Autoren den Fokus auf Schmetterlinge, Bienen und Wildbienen legen, ist sinnvoll. Einerseits handelt es sich um Arten, die jeder kennt und mit Sympathie betrachtet. Andererseits verliert man als Leser(in) so auch nicht den roten Faden. Treffende Überschriften, gut ausgewählte Fotos und interessante Exkurse zu Wildbienen, Glühwürmchen und anderen Randthemen prägen sich gut ein.

Mache Wiederholung in dem Buch wäre verzichtbar gewesen. Auf den Einsatz von Pestiziden, Erfolge der ökologischen Landwirtschaft oder kommunnale Initiativen wiederum hätten die Autoren tiefer eingehen können. Trotzdem erreichen sie das Ziel, die Gefahren des Insektensterbens näher zu beleuchten und mögliche Lösungen aufzuzeigen. Damit wir – in Anlehnung an Erich Kästner – unseren Kindern nicht einmal sagen müssen: »Später war es zu spät.«

40/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 40/2018

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