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»Das Kreditkarten-Buch«: Bar oder mit Karte?

Der Kreditkartenmarkt wird von US-amerikanischen Firmen dominiert. Wie es dazu kam, erklärt Sebastian Gießmann und plädiert für die Einführung des digitalen Euros.

Der Einsatz der Kreditkarte ist ein alltäglicher Vorgang. Kaum jemand denkt dabei an die Risiken durch Datenklau, Beeinflussung des Kaufverhaltens oder persönliche Verschuldung. Nur selten wird reflektiert, welche Transaktionen und Geschäftsvorgänge mit einer Kreditkartenzahlung verbunden sind. Der Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann will hier aufklären und fragt zudem: »Warum aber funktioniert das Versprechen der Kreditkarte, zugleich instantanen Kredit und aufgeschobene Zahlung zu realisieren, trotz alledem?« (S. 126).

Gießmanns wissenschaftlicher Anspruch fordert vom Leser eine konzentrierte Lektüre. Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Der Verfasser beschreibt die Entwicklung hin zur Kreditkarte – vom Tauschhandel über das Anschreiben bis hin zur systematischen Kreditvergabe an die Mittelschicht in den USA. Auf diese Weise rekonstruiert er auch die Entstehung einer konsumorientierten Haltung. Die ersten Kreditkarten wie »Diners Club« wandten sich an ein elitäres Publikum, den Mittelstand erreichte zuerst 1958 die »BankAmericard«.

Auf dem Weg zu einer europäischen Lösung?

Die zunehmende Verbreitung der Kreditkarte ging einher mit der Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung. Der Autor macht deutlich, dass dies nur durch standardisierte Massentransaktionen möglich wurde – die Administration der Zahlungsströme, ihre Abwicklung und Kontrolle sind ohne Informationstechnologie schlicht nicht vorstellbar. Detailliert geht Gießmann auch auf die dafür notwendige technische Infrastruktur ein, etwa die Magnetstreifen auf den Kartenrückseiten.

Interessant ist Gießmanns Befund, dass es in dem US-amerikanisch dominierten Markt durchaus Ansätze gab, europäische Lösungen zu etablieren. So gründeten mehrere europäische Banken eine Kreditkartenorganisation, um die »Eurocard« zu etablieren. Doch 2003 wurde die Marke schließlich aufgegeben. Ob die 2024 an den Markt gegangene europäische Bezahllösung »Wero« Akzeptanz finden wird, bleibt abzuwarten. Im letzten Kapitel analysiert Gießmann weitere Entwicklungen, die neuerdings mit der Kreditkarte konkurrieren, etwa den Peer-to-Peer-Bezahldienst »PayPal« oder das digitale Bezahlen per Handy. Um Europa unabhängiger von US-amerikanischen Anbietern zu machen und zugleich technologisch besser aufzustellen, plädiert Gießmann für die Einführung des digitalen Euros.

Immer wieder stellt der Autor auch literarische Bezüge her. Welche Folgen etwa die Abschaffung des Bargelds haben könnte, wird exemplarisch anhand von Margaret Atwoods Roman »Der Report der Magd« demonstriert: Es bedürfe nur eines technischen Vorgangs, um Frauen komplett vom Zahlungsverkehr auszuschließen.

Abwechslungsreich wird die Lektüre auch durch viele Alltagsbeispiele – etwa zum Diebstahl von Kartenrohlingen oder zum Vortäuschen von Identitäten. Was man vielleicht nur ahnte, wird hier konkret: Die Möglichkeiten des Kreditkartenbetrugs sind vielfältig. Nach der Lektüre dieses Buchs wird man den Einsatz von Kreditkarte oder Bezahl-App sicher mit anderen Augen sehen.

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