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Man hat es nicht leicht

Der Berliner Journalist Matthias Lohre entlarvt die Rhetorik vermeintlicher Opfer, ohne tatsächliche Probleme zu verharmlosen.

Einst wollte niemand Opfer sein. Nur Pechvögel oder Schwächlinge waren das, und oft unterstellte man Opfern sogar faktenwidrig, eine Mitschuld an ihrer Not zu haben. Wie sich die Zeiten gewandelt haben! Eines der nach eigenem Bekunden größten Opfer der Welt ist ein schwerreicher Tycoon, der im Weißen Haus sitzt und mit aggressiven Tweets um sich wirft. Englische Brexiteers gerieren sich als Opfer der EU-Bürokratie, und in zahlreichen Parlamenten – auch in Deutschland – sitzen heute Populisten, die angeblich Opfer der »Lügenpresse« und der politischen Korrektheit sind. Nicht zu vergessen jene Akteure aus dem linken Spektrum, die Migranten, Transgender, Arme, Arbeitnehmer oder Frauen generell zu Opfern erklären, um sich als deren Anwälte anzubieten.

Mächtig dank gespielter Ohnmacht

Der Berliner Journalist Matthias Lohre skizziert diesen drastischen Imagewandel des Opfers. Über Benachteiligung, fremde Vorurteile oder dunkle Mächte zu klagen, hat ihm zufolge gleich mehrere nützliche Effekte: Man könne so nicht nur Rücksichtnahme und Verständnis von anderen einfordern, sondern diese auch moralisch ab- und sich selbst aufwerten. Und man könne – vermeintlich – diktieren, wie sich die Gesellschaft zu verhalten habe, damit sie das Opfer nicht noch weiter ins Elend stürze. So üben die selbst ernannten Opfer Macht aus, indem sie sich ohnmächtig geben.

Die »Sprache des Traumas«, die Matthias Lohre in vielen Debatten am Werk sieht, beruht auf einem Schwarz-Weiß-Denken: »wir« gegen »die«. Denn wo ein Opfer ist, muss es auch Täter geben. Darin liegt der wahre Reiz: »Das Opfer ist ein moralischer Kompass«, schreibt Lohre. Und je unübersichtlicher die Zeiten, desto mehr Menschen wollen auf der Seite der »Guten« stehen.

Der Autor entlarvt die Opferrhetorik, ohne tatsächlich vorhandene Probleme zu verharmlosen. Schließlich gibt es echte Opfer – von Ressentiments und Vorurteilen, von Gewalt und Intrigen. Ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, gelingt jedoch kaum, wenn überall moralische Zeigefinger emporschnellen. Wo es von potenziellen Opfern wimmelt, sinkt die Bereitschaft, auf die Belange der wirklich Benachteiligten einzugehen. Auf diese Weise schaukeln sich anklagendes Opfertum und raubeiniges Gepolter gegenseitig hoch.

So aufschlussreich Lohres Beispiele und Argumente sind, stützt er sich leider oft nur auf einzelne, ausgesuchte Experten. So zitiert er ausgiebig den US-Psychologen Jonathan Haidt, der gezeigt hat, wie intuitive moralische Urteile die Gruppenidentität stärken. Haidts Thesen sind fraglos spannend, er ist aber längst nicht der Einzige, der die Psychologie des Populismus erforscht.

Die Empfehlungen im Schlusskapitel »Lösungen« fallen ebenfalls im Verhältnis zu den davor gewonnenen Einsichten ab. Der Autor rät, man solle sich den eigenen Verletzungen stellen, um durch bewusste Selbstreflexion dem Schwarz-Weiß-Denken zu widerstehen. Doch viele selbst ernannte Opfer unserer Tage haben gar keine Traumata erlitten, zumindest keine ernsthaften. Und es liegt sicher nicht am mutmaßlichen Opfer allein, darüber zu bestimmen, welches Verhalten von anderen gut und welches böse, was zumutbar und was übergriffig ist. Dafür muss es noch andere Kriterien geben, sonst wird die Moralkeule immer bereitwilliger geschwungen. Wer dies stoppen und zu einer »Sprache der Toleranz« zurückfinden will, braucht vor allem etwas, das in der heutigen öffentlichen Dauererregung unterzugehen droht: Gelassenheit.

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