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»Das Schweigen der Schimpansen«: Wenn Tiere trauern

Haben Tiere ein Konzept vom Tod? Und, wenn ja, wie verhält es sich zu dem des Menschen? Susana Monsó verbindet Erkenntnisse aus Ethologie, Psychologie und Philosophie.

»Das Konzept vom Tod ist keineswegs eine nur dem Menschen eigene Leistung, wir finden sie überall im Tierreich.«

Susana Monsó, Professorin für Logik, Geschichte und Wissenschaftsphilosophie an der UNED in Madrid, widmet ihr Buch einem jungen Zweig der Philosophie, der Tierphilosophie, die Fragen nach den geistigen Fähigkeiten von Tieren stellt. Die »vergleichende Thanatologie« – die Untersuchung der Beziehung von Tieren zum Tod – als Fachrichtung an der Schnittstelle zwischen Ethologie und vergleichender Psychologie bildet einen Schwerpunkt bei der Untersuchung kognitiver Voraussetzungen, die ein Tier aufweisen muss, um ein Bewusstsein von Sterblichkeit zu entwickeln. »Das Interesse an der Frage, wie Tiere mit dem Tod umgehen, ist Teil eines wachsenden wissenschaftlichen Trends, herauszufinden, inwieweit andere Tiere über Fähigkeiten verfügen, die man traditionell einzig und allein dem Menschen zuschreibt.«

Die Autorin stellt die Ergebnisse einschlägiger Experimente und die Aufarbeitung bestehender Studien vor, verbindet dies mit autobiografischen Einschüben und anekdotischen Berichten und erörtert in einem interdisziplinären Zugang die Wahrnehmung des Todes durch Tiere. Dabei wird zwischen stereotypen und kognitiven Reaktionen unterschieden. Die häufigsten stereotypen Reaktionen bestehen in der Nekrophorese (wenn etwa Ameisen Individuen, die nach Tod riechen, aus der Kolonie hinaustransportieren) und der Nekrophobie (Leichen werden körperlich gemieden). Die kognitiven Reaktionen beinhalten eine Vielzahl verschiedenster Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen unterschiedlicher Tierarten – der Hauptteil des Buchs widmet sich den mit ihnen zusammenhängenden Fragen.

Zahlreiche anschauliche Beispiele belegen, dass Tiere kognitive und emotionale Reaktionen auf den Tod zeigen, sie beweisen jedoch nicht, dass diese Reaktionen auf einem Konzept vom Tod beruhen. Das gilt für die Schimpansenmutter, die einem verstorbenen Jungen vorsichtig die Zähne reinigt, die Walmutter, die ihr totes Baby um die halbe Welt trägt, oder Delfine, die einem sterbenden Mitglied helfen, sich über Wasser zu halten.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die Methoden zur Erforschung der geistigen Fähigkeiten von Tieren (experimentell, beobachtend, anekdotisch) müssen so gewählt werden, dass es möglichst nicht zu einer Anthropomorphisierung (Vermenschlichung) oder einer zu starken Fokussierung auf menschliche Maßstäbe und Emotionen wie zum Beispiel Trauer kommt. Versuche wie der Spiegeltest klären, ob beziehungsweise inwieweit Tiere ein Bewusstsein ihrer selbst besitzen. Die Frage »Haben Tiere ein Konzept vom Tod, das dem eines durchschnittlich erwachsenen Menschen entspricht?« beantwortet die Autorin mit einem klaren »Nein«. Die weiterführende Frage, ob Tiere etwas haben, das als Konzept vom Tod gelten kann, kann dagegen bejaht werden. Die Forschungen führen zu einem »Minimalkonzept vom Tod bei Tieren«, das aber nur vorliegen kann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind; so muss das Tier etwa »Totes« zuverlässig erkennen können und dabei ein gewisses Verständnis für die Eigenschaft des Totseins besitzen.

Auch wenn »Trauer bei Tieren« durch zahlreiche Beobachtungen belegt wird, muss sie jedoch kein Konzept vom Tod voraussetzen, sondern kann als starke affektive Verbundenheit mit einem verstorbenen Individuum gedeutet werden. Das Konzept eines Verständnisses von Sterblichkeit erfordert das Zusammenspiel dreier grundlegend kausaler Faktoren: Kognition, Erfahrung und Emotion. Als Resultat der von Susana Monsó zitierten Untersuchungen ergibt sich, dass viele Tiere tatsächlich eine Form von Todesverständnis besitzen.

Dennoch ist die Art, wie Menschen mit dem Tod umgehen, einzigartig. »Sehr wohl dürften wir das einzige Tier mit einer Vorstellung von der Unvermeidlichkeit und der Unvorhersagbarkeit des Todes sein.« Es gebe jedoch »gewichtige Gründe für die Annahme, dass wir bei weitem nicht das einzige Tier mit einem Bewusstsein von der Sterblichkeit sind. [...] Die Wahrscheinlichkeit dürfte groß sein, dass die Beziehung der Tiere zum Tod sensorische und semantische Dimensionen kennt, die wir uns nicht einmal vorstellen können, vielleicht auch gar nicht verstehen.«

»Das Schweigen der Schimpansen« erzählt berührende Geschichten und beleuchtet mit philosophischem und psychologischem Instrumentarium die verschiedenen Aspekte des Todesverständnisses von Tieren. Es hinterfragt Alleinstellungsmerkmale des Menschen im Umgang mit Tod und Sterblichkeit, wobei das erzielte Ergebnis sich letztlich auf die Feststellung beschränkt, dass die Unterschiede im Verständnis vom Tod zwischen Mensch und Tier groß sind. Das Buch bietet eine erkenntnis- und facettenreiche Lektüre, die viel Wissen vermittelt und zum Nachdenken über tierisches und menschliches Bewusstsein sowie Sterblichkeit anregt.

Dazu gibt auch eine Beobachtung Anlass, der das Buch seinen Titel verdankt. Als sie den Abtransport eines toten Artgenossen wahrnehmen, verstummen die normalerweise heftig lärmenden Tiere. Im Angesicht des Todes schweigen die Schimpansen.

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