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Buchkritik zu »Das Sintflutprinzip «

Ein Erstlingswerk, vor zehn Jahren bereits von einem angesehenen Verlag abgelehnt, und als Thema ausgerechnet Mathematik – das scheinen drei sichere Voraussetzungen für einen soliden Misserfolg zu sein! Jedoch: Der Autor heißt Gunter Dueck, hat in dieser Zeitschrift den viel beachteten Artikel zum Sintflutalgorithmus veröffentlicht (3/1993, S. 42) und mehrere Erfolgsbücher geschrieben ("Wild Duck", rezensiert in Spektrum der Wissenschaft 11/2000, "E-Man", "Omnisophie" und "Supramanie"). Auch für Menschen – es soll solche geben –, die Spektrum der Wissenschaft nicht lesen, weckt der Name des Autors positive Assoziationen. Gunter Dueck schreibt regelmäßig für das "Informatik-Spektrum", ist professioneller Mathematiker und arbeitet als Manager bei IBM.

In diesem Buch zeigt die Mathematik allerdings ihre Samtpfoten. Dueck schreibt einen guten Stil – in dieser Hinsicht ist er kein "typischer" Mathematiker –, sodass er auf Formeln weit gehend verzichten kann.

Es geht um eine Entdeckung, an der Dueck wesentlich beteiligt war, das Sintflutprinzip zur Optimierung; um das Verhalten der Menschen im Angesicht einer Bedrohung; und, wie man es bei Dueck erwarten darf, "um das Leben".

Der Sintflutalgorithmus ist eine "heuristische" Methode. Man wendet sie auf Aufgaben an, die eigentlich gar nicht lösbar oder zumindest hoffnungslos schwierig sind. Dueck und seine Mitarbeiter haben den Algorithmus durch Intuition, durch Analogieschlüsse und durch Experimente gewonnen, nicht durch systematische Anwendung tiefsinniger Mathematik. Das Verfahren lebt im "theoriefreien Raum". Gleichwohl erwies es sich als äußerst brauchbar für eine Reihe von praktisch wichtigen und schwierigen Aufgabenstellungen.

Für mich reizvoll ist der Teil des Buchs, in dem Dueck die Kommunikation mit den Praktikern schildert. Seine Probleme stammen vorwiegend aus dem Betriebsleben: Touren- und Beladungsplanung für Kraftfahrzeuge, Standortplanung von Lagern, Steuerung von Maschinen und so weiter. Immer geht es darum, unter "praktischen" Nebenbedingungen (besondere Kundenwünsche, Fähigkeiten der Fahrer, Termine …) eine kostengünstige Lösung zu finden. Derartige Bedingungen sind mathematisch kaum fassbar, insbesondere wenn die Beteiligten nicht immer rational agieren, die äußeren Umstände sich rasch ändern oder erst im Laufe der Planung überhaupt bemerkt werden. Da beneidet man die Optimierer des neuen Containerzentrums in Hamburg-Waltershof: Auf dem ganzen Gelände gibt es kaum Menschen, nur Computer und Roboter! Schlimmstenfalls könnten völlig unerwartet Lastwagen mit Containern am Eingangstor erscheinen, deren Fahrer auf schnellste Abfertigung drängen.

Duecks Algorithmus geht von einer Analogie aus, die den zweiten Erzählstrang des Buchs ausmacht. Wie verhalten sich Menschen, die durch eine Sintflut bedroht werden? Eine sehr langsame Sintflut allerdings; das Wasser steigt unmerklich an, sodass die Menschen Zeit haben, sich zu retten. Auch hier sucht man ein Optimum, nämlich einen hohen Platz, auf dem man für einige Zeit von der Flut unbehelligt leben kann. Mit dieser Situation müssen sich die Bewohner eines nebligen Planeten (der keinen globalen Überblick zulässt) auseinander setzen – und erscheinen einem dabei vertraut und doch wieder unwirklich. Würden echte Menschen angesichts einer solchen Bedrohung über Grundstückspreise und der Gründung von Aktiengesellschaften nachdenken? Wahrscheinlich schon; man denke an die Reaktionen vieler an sich vernünftiger Menschen auf die sich abzeichnende Klimakatastrophe!

Diese Rahmengeschichte liest sich gut und macht nachdenklich. Was mir weniger gefällt, ist die Einteilung der Menschheit in "Typen", die Dueck auch in seinen anderen Büchern vornimmt; hier sind es etwa "Hügelstürmer" oder "Individual-Lemminge". Der einführende Abschnitt trägt ausgerechnet die Überschrift "Die Menschen sind verschieden". Richtig! Ich würde sogar sagen: so verschieden, dass sie sich nur mit einiger Mühe und Gewalt in neun Klassen einfügen lassen. Auch die Technologiegläubigkeit des Autors ist nicht jedermanns Sache: "Die Menschheit geht ihren Weg, und es wird neue Technologiestufen geben auf dem Weg der Menschheit nach oben" (Seite 222); geht es wirklich "nach oben"?

Interessant das Literaturverzeichnis: sechsmal Dueck, dann die Arbeit von Scott Kirkpatrick und anderen, die ein dem Sintflutalgorithmus ähnliches Optimierungsverfahren (simulated an-nealing oder "simuliertes Ausglühen") vorgeschlagen haben. Es folgen Lao Tse, Lichtenberg und schließlich zweimal Don Richard Riso, der die neun Typen der Persönlichkeit propagiert.

Wie fügt sich Lao Tse, der Philosoph des Nichthandelns, in das Dueck’sche Universum ein? "Die Tüchtigen nicht bevorzugen, so macht man, dass das Volk nicht streitet." Oder: "Herrscht ein ganz Großer, so weiß das Volk kaum, dass er da ist." Oder: "Darum spricht ein Berufener: Wenn wir nichts machen, so wandelt sich von selbst das Volk." Der auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtete Aktionismus der handelnden "Typen" kontrastiert auffallend mit den Mahnungen des alten Lehrers zur weisen Zurückhaltung. Nach der Legende verschwand Lao Tse im Alter von siebzig Jahren im Gebirge auf dem Weg in ein anderes Land. Im Buch von Dueck taucht der Weise zum Schluss am Rande des Ozeans auf.

Die Mathematiker, Manager, Firmengründer, Erfinder und Professoren, die im Buch auftreten, sind Karikaturen, überzeichnet, mit Wahrheitsgehalt ohne Zweifel, aber Karikaturen. Die ansprechenden Illustrationen von Stefan Budian haben mich ebenso begeistert wie den Autor. Dueck beschreibt auch nur einen Raum in dem riesigen Schloss der Mathematik, und über dessen Bedeutung kann man durchaus streiten. Wirklich dankbar bin ich dem Autor für Formulierungen wie diese: "Die Mathematik zieht in jede Ritze hinein und verbessert das gigantische System um ein paar Prozentpunkte" (Seite 223). Mathematik ist nicht nur nützlich, sie ist unentbehrlich!

Was mich ein wenig frustrierte: Fehlerhafte Trennungen sind bis in den gedruckten Text stehen geblieben, ebenso wie zahlreiche Überbleibsel aus der Umformulierung. Manche der "technischen" Zeichnungen sind aus ästhetischen Gründen bewusst unscharf verfremdet oder zu klein geraten, was nicht unbedingt sachdienlich ist. Da lobe ich mir die klaren Zeichnungen aus dem zitierten Artikel in Spektrum der Wissenschaft.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 3/2005

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