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Gott und die Welt

Carel van Schaik, Evolutionsbiologe und Anthropologe, und Kai Michel, Historiker und Wissenschaftsjournalist, betrachten die Bibel aus ungewohnter Perspektive. Sie lesen die Heilige Schrift als Protokoll der menschlichen Evolution und versuchen, daran die kulturelle Entwicklung der Menschheit nachzuvollziehen. Auf rund 500 Seiten setzen sie wissenschaftliche Ergebnisse aus Anthropologie und Evolutionsforschung in einen Sinnzusammenhang mit biblischen Texten, um den Widerspruch zwischen beiden aufzulösen. Dabei wird klar, dass viele Probleme heutiger Gesellschaften schon in den damaligen Geschichten eine Rolle spielten. Ungleich verteilter Besitz, Benachteiligung der Frauen, Ausbruch und Bekämpfung von Krankheiten sind nur einige hoch aktuelle Themen, die bereits vor 3.000 Jahren im Alten Testament dokumentiert wurden.

Van Schaik und Michel begreifen die Bibel als eine Komposition aus Zeitzeugenberichten. In mehr als 1.000 Jahren der Niederschrift kamen unzählige Autoren zu Wort und schafften eine Sammlung von Erzählungen zur kulturellen Evolution des Menschen. Es entstand ein Kaleidoskop der menschlichen Natur, die auch religionskritische Leser in den Bann ziehen kann.

Vom Wildbeuter zum Landwirt

Laut religiöser Überlieferung begann das menschliche Übel mit der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Beide Autoren sehen hier Bezüge zum Sesshaftwerden des Menschen vor etwa 12.000 Jahren, bei der Jäger-Sammler-Gemeinschaften zu bäuerlichen Gesellschaften transformierten. In der Bibel heißt es hierzu: "Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen." Das klingt wie eine Allegorie auf die neolithische Revolution, mit der die Lebensweise als Wildbeuter endete. Die Menschen mussten fortan Landwirtschaft betreiben; das Besitztum entstand und mit ihm der Krieg zwecks Eroberung. Land gehörte nun nicht mehr der Gemeinschaft, sondern Einzelnen. Eine grundlegende Veränderung des gesellschaftlichen Gefüges, die soziale Ungleichheit hervorbrachte. In diesem Licht betrachtet, bekommt die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies eine neue Bedeutung: Adam kostet eine Frucht, die nicht sein Eigentum ist.

Die Autoren gehen noch einen Schritt weiter. Sie postulieren, Gottesglaube und religiöses Leben seien erst infolge des Sesshaftwerdens entstanden. An der Besitzanhäufung und der wachsenden Ungleichheit drohte die Gesellschaft demnach zu zerbrechen. Religionen mit ihren gemeinschaftlichen Riten und ihrem Stiften eines "Wir"-Gefühls hätten hier den Klebstoff geboten, der die Menschen zusammenhielt. Darüber hinaus hätten sie Strategien vermittelt, um mit einem neuen Problem umzugehen – dass nämlich Tierdomestikation und Stadtentstehung einhergingen mit Zoonosen und Epidemien. Die Menschen begannen vermehrt, nach Erklärungen für Tod, Krankheit und Hungersnöte zu suchen. Sie machten Götter für Katastrophen verantwortlich und entwickelten Rituale, um sie zu besänftigen. Zugleich erfüllten religiöse Verbote eine Schutzfunktion. Beispielsweise tabuisieren die fünf Bücher Mose unter anderem den Inzest und halfen so, Erbkrankheiten zu vermeiden. Das Verbot der Sodomie wiederum dämmte Zoonosen ein.

Um menschliche Handlungsmuster besser zu verstehen, verweisen van Schaik und Michel auf ihr Konstrukt der "ersten, zweiten und dritten menschlichen Natur". Die erste beinhalte unsere angeborenen Gefühle, Reaktionen und Vorlieben. Ihretwegen lebten wir nach moralischen Grundsätzen, liebten Familienmitglieder, fürchteten uns vor Neuem, hätten einen Sinn für Gerechtigkeit und durchlebten destruktive Emotionen wie Eifersucht und Ekel. Die "erste Natur", so die Autoren, erkläre auch unser Verlangen nach einem religiösen Leben und sorge für ein reibungsloses Funktionieren des Menschen in der Gesellschaft. Sozialisationsprozesse in der frühen Kindheit formten unsere "zweite Natur", also die individuelle Prägung. Die "dritte Natur" stelle die menschliche Vernunft dar, die jedoch wesentlich schwächer ausgeprägt sei als die erste. Nicht zuletzt deshalb misslinge beispielsweise die Umsetzung von guten Vorsätzen immer wieder.

Kulturelle und biologische Evolution

Aus dieser Überlagerung der Naturen, schreiben die Autoren, erwachse eine zunehmende Diskrepanz. Der Mensch entfremde sich von seiner Umwelt und passe physisch wie psychisch immer weniger in seine Umgebung. Die neolithische Revolution, das Sesshaftwerden, habe den Menschen intensiv mit Gegebenheiten konfrontiert, für die er evolutionsbiologisch nicht ausgestattet sei. Religionen hätten ihm dann das Gefühl gegeben, durch Rituale wieder Kontrolle über sein Leben zu bekommen. Die Stärke der "ersten Natur" zeigt sich laut van Schaik und Michel in der Tatsache, dass Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, oft Ersatzreligionen wie Feng Shui ausleben.

Den Autoren gelingt es, aktuellen gesellschaftlichen Problemen eine tiefer gehende Dimension zu verleihen. Der Leser bekommt die Chance, Vertrautes in neuem Licht zu betrachten und sich auf unreligiöse Weise mit Religionen zu befassen, indem er sie als kulturelle Institution begreift.

03/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03/2017

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