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Europa im Ausnahmezustand

Nach dem Ende des Mittelalters vollzog sich auf dem Kontinent ein tief greifender Wandel, der alle Lebensbereiche erfasste.

Es gibt Bücher, die treffen den Nerv der Zeit. »Das verlorene Paradies – Europa 1517-1648« aus der Feder des britischen Neuzeithistorikers Mark Greengrass ist so eines. Darin beschreibt der Gelehrte, der an der University of Sheffield tätig ist, die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen, die Europa im Zeitraum zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg erfassten, und deren Auswirkungen auf die frühneuzeitliche Gesellschaft.

Schon die Abbildung auf dem Einband passt hervorragend: Der Holzschnitt mit dem Titel »Offenbarung« von Hans Schönsperger (1523) zeigt eine nicht näher zu definierende Stadt mit Gebäuden, deren Statik nicht trägt. Sie steht symbolhaft für eine Welt, die aus den Fugen geraten war und deren althergebrachte Gewissheiten bröckelten. Christoph Kolumbus hatte mit der Entdeckung Amerikas das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen; Kopernikus' bahnbrechende Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, veränderte den Blick auf eine global zunehmend vernetzte Welt; der Buchdruck sprengte die bis dahin geltenden Mechanismen des Informationsaustauschs. Dies alles eröffnete neue Horizonte und setzte einen Prozess in Gang, dessen Dynamik kaum noch wirkungsvoll zu beeinflussen und erst recht nicht zu steuern war.

Unterhöhlte päpstliche Universalmonarchie

Hinzu kam, dass auch das Gerüst des Glaubens, jahrhundertelang ein ebenso stabilisierender wie identitätsstiftender Faktor, ins Wanken geriet. »Das westliche Christentum war ein großes Projekt, das auf die europäische Einheit zielte«, so der Autor, doch das Zusammenspiel zerstörerischer Kräfte (weltlicher wie geistlicher) habe dieser Idee ein Ende gemacht. Daran, betont Greengrass, hatte die katholische Kirche eine Mitschuld: Zwar hatten Luthers 95 Thesen die Christenheit gespalten. Doch habe gerade die Kurie in Rom durch strenge dogmatische Glaubensauslegung und bornierte Reformunwilligkeit dazu beigetragen, die Ordnung des christlichen Abendlands zu unterhöhlen. Die Tatsache, dass es infolge des Abendländischen Schismas (1378-1417), zwei, kurzzeitig sogar drei Päpste gab, habe das theologische Weltbild der »una sancta ecclesia« erschüttert und die päpstliche Universalmonarchie in Frage gestellt, schreibt Greengrass in seinem Kapitel »Heimsuchung des Christentums«.

Der Autor erläutert Ursachen und Folgen des Umbruchs, der alle Lebensbereiche erfasste. Er erörtert wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Veränderungen und benennt Verlierer und Gewinner des Wandels. Auf der einen Seite standen Männer wie Jakob Fugger (1459-1525) und Bartholomäus Welser (1512-1546), die – bedingt durch den Zustrom von Edelmetallen aus Amerika – von dem veränderten Kapitalmarkt in Europa profitierten. Auf der anderen die Mehrzahl der einfachen Bürger, die sozial abgehängt wurden. All das hatte massive Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung, die – heutigen Entwicklungen nicht unähnlich – teils ängstlich, teils aggressiv reagierte. Das Gefühl, in einer beschleunigten Welt nicht mehr mit der Situation umgehen und die Herausforderungen der Zeit nicht mehr aus eigener Kraft meistern zu können, führte zu Verunsicherung, aus der wiederum soziale Ausgrenzung und Denunziation folgten. Die markante Zunahme der Hexenprozesse im 17. Jahrhundert war, so Greengrass, ein unmittelbares Ergebnis davon.

Im Hinblick auf das sich wandelnde machtpolitische Koordinatensystem erläutert Greengrass außerordentlich detailliert, wie konfessionelle Zersplitterung und Glaubenskriege zu einem Ende der religiösen Dominanz in der Politik führten. In Europa habe sich eine neue weltliche Elite formiert, die nicht mehr – wie die Ritter im Mittelalter – das Christentum mit dem Schwert verteidigte, sondern Machtpolitik in eigener Sache betrieb. Die Entdeckungen in Übersee und die neuen Kontakte zu fremden Völkern hatten laut dem Autor großen Einfluss auf die mentale Verfasstheit der Europäer im 16. und 17. Jahrhundert. Greengrass kann überzeugend nachweisen, wie sich in dieser Zeit in Abgrenzung zu anderen Kulturen ein europäisches Selbstverständnis zu entwickeln begann. Dass man eine eigene Identität erschafft, um sich von anderen zu separieren, ist ein in der Kulturgeschichte gängiges Phänomen.

Alles in allem, so das Fazit des Autors, war Europa um 1650 infolge politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ein »absoluter Scherbenhaufen«, dem es an einem einigenden, universellen Band fehlte. Hinsichtlich heutiger Entwicklungen in Europa ist das Buch eine hochaktuelle und lohnenswerte Lektüre, die dazu mahnt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

33/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 33/2018

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