»Dein Parfüm riecht so laut!«: Wenn die Wahrnehmung eigene Wege geht
»Neurodiversität ist keine Krankheit, sondern die natürliche Vielfalt unseres Denkens«, so Autorin Simone Hatami. Sie schildert das nicht immer einfache Leben von Menschen aus dem Autismus-Spektrum oder mit ADHS. Der Autorin sind die Probleme wohlbekannt: Sie hat selbst ADHS und ist Gründerin des »ZAK Germany« (»Zentrum für Autismus und Inklusion«). Ein wichtiges Ziel des Zentrums ist: Alle Menschen – unabhängig von Behinderung, Herkunft, Geschlecht oder Alter – sollen von Anfang an gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Inklusion zu fördern ist auch ein zentrales Anliegen von Hatamis Buch: Es will Kindern und Jugendlichen dabei helfen, ihr »Anderssein« zu verstehen, es anzunehmen und mit ihm umzugehen.
Ursachen und Folgen der Überforderung
Überforderung ist eine Erfahrung, die Menschen mit Autismus und ADHS gut kennen. Ihre neurologische Disposition sorgt dafür, dass sie mehr Stress erleben als andere. Menschen mit Autismus reagieren höchst sensibel auf ihre Umwelt. Licht und Geräusche können schmerzhaft sein oder Übelkeit auslösen. Mit ADHS wiederum ist man sehr aufmerksam – aber für viele Dinge gleichzeitig. Oft ist der Alltag anstrengend, weil sehr viel wahrgenommen wird. Für eine Anpassung an die Erwartungen ihrer Umgebung benötigen die Betroffenen in beiden Fällen viel Energie.
Die besondere Stressbelastung bei Autismus und ADHS entsteht durch eine spezielle Regulation verschiedener Systeme im Gehirn. Eine wichtige Rolle spielt dabei der präfrontale Cortex (»PFC«). Dieser wird wegen seiner Bedeutung für Abwägungs- und Entscheidungsprozesse oft als »Vernunftzentrale« bezeichnet. Ist diese im Dauerstress, wird ihre Arbeit erschwert. Der Thalamus wiederum gilt als Tor zum Bewusstsein – von ihm hängt ab, wie viele Gespräche, Bilder, Lichter und andere Eindrücke gleichzeitig in der Vernunftzentrale ankommen. Bei Menschen mit Autismus und ADHS ist dieses Tor immer ein Stück weit geöffnet, wodurch sie viel mehr wahrnehmen als andere. Da der PFC als Vernunftzentrale den ganzen Tag auf Hochtouren arbeiten muss, um die vielen Eindrücke zu bewältigen, sind diese Menschen schneller erschöpft als andere.
Viele Menschen mit Autismus und ADHS riechen, hören, schmecken, sehen und tasten auch auf eine besondere Weise. Sie können »in Farben hören«, erkennen andere oft nicht wieder (»Gesichtsblindheit«) oder verstehen sie nicht. Oft kommen sich Menschen mit Autismus so vor, als stammten sie von einem anderen Planeten (»Wrong Planet Syndrom«). Für das Entstehen dieser Empfindung spielt Reizüberflutung eine große Rolle. Je stärker sie ist, desto höher ist die Gefahr für ein solches Syndrom.
Maskierung steigert den Stress
Viele autistische Menschen merken, dass sie »nicht richtig« auf ihre Umwelt reagieren, und maskieren ihr Verhalten. Sie wollen nicht auffallen und zeigen, wie sie wirklich sind, und verhalten sich deshalb so, wie andere es von ihnen erwarten. Dies erhöht ihren Stress, und Dauerstress wirkt sich auf das gesamte Befinden aus. Schon kleinste Anlässe können dann dazu führen, dass man innerlich kampf- oder fluchtbereit ist – was wiederum eine pathologische Anforderungsvermeidung (»PDA«) nach sich ziehen kann: Die Betroffenen blocken ab, was sie als Anspruch, Erwartung oder Wunsch an sie wahrnehmen.
Viele Menschen mit Autismus oder ADHS kennen den »Overload« – den Zustand akuter Reizüberflutung, der immer stärker und schließlich unerträglich wird. Er löst Angst, Panik und Verzweiflung aus. Bei autistischen Menschen kann es dann zu einem »Meltdown« kommen: Sie schreien, weinen, toben, werden aggressiv und verlieren vollständig die Kontrolle über ihr Verhalten. Ein Meltdown ist ein Ventil, um Stress abzubauen. Bei Menschen mit Dauerstress erhöht sich zudem das Risiko psychischer Erkrankungen, man spricht dann von »komorbiden Störungen«. So leiden autistische Menschen häufiger unter Depressionen, psychosomatische Erkrankungen wie ein Burn-out werden wahrscheinlicher.
Was den Betroffenen bei der Stressbewältigung hilft, ist individuell. Ein möglicher Weg ist das »Stimming«. Bei diesem sogenannten selbststimulierenden Verhalten summen Menschen zum Beispiel vor sich hin oder kritzeln etwas auf Papier. Anderen hilft ein Hörbuch oder Musik beim Entspannen, manche Menschen schauen sich immer wieder dieselbe Serie oder dieselben Filme an, um besser einschlafen zu können. Denn ausreichender Schlaf ist sehr wichtig für den Stressabbau.
Im letzten Teil des Buchs finden sich praktische Übungen zur Stressbewältigung, Hinweise zu Stellen, die Unterstützung bieten, sowie Hinweise auf therapeutische Verfahren. Das Buch ist gut verständlich geschrieben. Es verliert sich nicht in Details oder abstrakten Modellen, sondern gewährt einen ersten Einblick in ein komplexes Thema und verzichtet dabei auch auf die Darstellung medikamentöser Behandlungsmöglichkeiten. Die über 100 Illustrationen von Dennis Hofmann machen die Kinder und Jugendlichen neugierig und regen sie zum Nachdenken an. Aber auch für Eltern und Therapeuten lohnt sich die Lektüre dieses Buchs – nicht zuletzt wegen der praktischen Übungen im Umgang mit einer Neurodiversität, die keine Krankheit ist.
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