»Der Anfang von Raum und Zeit«: Das Nichts und der Zufall
Kosmologie ist »in«. Man hat das Gefühl, als habe sich dazu inzwischen fast jeder, der auf diesem Gebiet Rang und Namen hat, schon populärwissenschaftlich geäußert: in Fernsehsendungen, Podcasts, Blogs oder eben – ganz klassisch – in Büchern. Bei mir sind schon einige solcher Werke gelandet, die man besser nicht auf den Markt gebracht hätte, etwa weil bei der Redaktion geschlampt wurde oder man sich gleich ganz auf die KI verlassen hat. Wie ist also das Werk von Jean-Luc Lehners einzuordnen? Immerhin ist der Luxemburger ein renommierter Physiker (wenn auch mit einem Hang zur Stringtheorie). Bis 2024 leitete er die Arbeitsgruppe für Theoretische Kosmologie am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam.
Das handliche Buch hat 248 Seiten. Das Layout ist ansprechend. Es gibt einige Grafiken, in der Mitte finden sich acht Farbseiten. Der Text ist in fünf Kapitel gegliedert. Wichtige Aussagen werden kursiv hervorgehoben, mehrere Infoboxen erschließen einzelne Themen wie die Gravitation. Am Ende findet sich ein Literaturverzeichnis, auf ein Register wurde leider verzichtet. Aber was bietet das Buch nun inhaltlich?
Ringen mit Unendlichkeiten
Im ersten Kapitel »Kosmos – mit erstaunlich wenig Chaos« geht es um die Grundlagen: Raum, Zeit und Materie. Man erfährt viel über Relativitätstheorie, Gravitation, den Aufbau des Universums und seine Bestandteile. Dann kommen in »Kosmische Rätsel und Wunder« die eher ›seltsamen‹ Dinge ins Spiel: Dunkle Materie, Dunkle Energie, Urknall und Inflation. Vieles liegt hier buchstäblich noch im Dunkeln, wie im Abschnitt »Enigmata« zu lesen ist. Die ganze Komplexität kumuliert dann in der Aussage: »Das größte Problem der Urknalltheorie ist natürlich der Urknall«. Gemeint ist die Singularität, bei der alle Arten von Unendlichkeiten auftreten – Alltag des Mathematikers, aber Albtraum des Physikers! Gespannt wartet man darauf, »wie alles aus dem Nichts entstehen konnte«. Der Schlüssel dafür liegt in der Quantenwelt – und deren Unbestimmtheit.
Dies ist das Thema des zentralen Kapitels »Unsere Vorfahren waren Quanten«. Dessen entscheidende Aussage lautet: »Wegen der Unschärfe entsteht manchmal notgedrungen etwas aus dem Nichts.« Der Mikrokosmos erschuf also den Makrokosmos. Um die Singularität zu vermeiden, bedient sich der Autor in seiner Darstellung des »randlosen Universums«. Diese Idee stammt von Stephen Hawking. Lehners hat den genialen Physiker in seiner Zeit an der Universität Cambridge kennengelernt. Spannend und kenntnisreich beschreibt er, wie Raum, Zeit und Materie – per Zufall – aus dem Nichts entstanden sind. Diese aus der Alltagsperspektive bizarre Vorstellung basiert auf der Quantenphysik – die man, so der Autor, nicht verstehen, sondern wortwörtlich nehmen müsse. Lehners nennt das »eine extreme Form des Literalismus«. Seine in diesem Kontext zentralen Aussagen sind: (1) »Das randlose Universum beschreibt die Entstehung von Raum, und dann Zeit, aus dem Nichts.« (2) »Das randlose Universum beginnt automatisch mit einer Inflationsphase.«
Ein kritischer Blick auf die Stringtheorie
Das nächste Kapitel konstatiert in seiner Überschrift: »Die Zukunft sollte man nicht vorhersagen«. Hier geht es um die Stringtheorie, einen seit Langem umstrittenen Kandidaten für die Vereinigung von Quantentheorie und allgemeiner Relativitätstheorie. Hier zeigt sich Lehners durchaus kritisch, wenn er schreibt: »Vielleicht ist die Stringtheorie, so wie wir sie heute kennen, nur ein Spielzeugauto – die Räder sind schon dran, und man kann sich vorstellen, wie man mit so etwas fahren kann, aber ohne Motor geht’s nicht wirklich.« Das letzte Kapitel »Wo bleiben unsere Mitbewohner?« fällt etwas aus dem Rahmen. Es geht um die Existenz von Außerirdischen. Hoffentlich wissen die mehr als wir – und sind friedlich.
Jean-Luc Lehners hat ein anspruchsvolles, fehlerfreies Buch geschrieben, das vermeintlich locker und leicht daherkommt. Man darf sich aber nicht täuschen lassen – hier geht es um fundamentale Theorien der Physik; ein anspruchsvoller Stoff, der mit großer Sachkenntnis vermittelt wird. Das erfordert Vorkenntnisse und ein hohes Maß an Konzentration; gelegentliche Redundanzen im Text stören dabei nicht, sondern sind eher hilfreich. Mitunter driftet der Autor ins Philosophische ab, insgesamt überzeugt sein Buch aber durch einen logischen Aufbau, sodass kaum Mehrdeutigkeiten entstehen.
Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen. Meine anfänglichen, von der Erfahrung mit weniger gelungenen Konkurrenzwerken geprägten Zweifel haben sich als unbegründet erwiesen.
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