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Kunstvolles Weltall

Das bilderreiche Werk des Filmwissenschaftlers beleuchtet die Geschichte der Astronomie – hat aber auch seine Schattenseiten.

Der Engländer Edward Brooke-Hitching, Sohn eines Antiquars und Absolvent der Filmwissenschaft an der University of Exeter, ist in der Astronomie und ihrer Geschichte noch ein Unbekannter. Aufgefallen ist er allerdings durch zwei Bücher, die ebenfalls »Atlas« im Titel führen: »Der Atlas der erfundenen Orte« berichtet über geografische Phantome, und in »Der goldene Atlas« geht es um abenteuerliche Reisen berühmter Seefahrer. Beiden Werken, wie auch dem neuesten, merkt man die Liebe des Autors zur Geografie und Kartografie an – nicht umsonst ist er Mitglied der Royal Geographical Society.

Reich bebildertes Astronomiebuch

Zunächst fasziniert das Umschlagbild des nahezu im A4-Format gebundenen Buchs. Es zeigt das Fresko der Sternbilder von 1575 im italienischen Palazzo Farnese in Caprarola. Bereits beim ersten Durchblättern wird klar: Das Bild ist nur der Auftakt zu einer »unglaublichen Reise durch die Mythen und Entdeckungen unseres Universums« (Klappentext). Ich kenne kaum ein Astronomiebuch, das reicher bebildert ist. Brooke-Hitching beschränkt sich dabei nicht auf die hinlänglich bekannten Abbildungen, denn hier ist vieles in hervorragender Qualität zusammengetragen, was bisher kaum gezeigt wurde. Man fühlt sich wie in einer Ausstellung, die Kunstwerke in umfassender Weise und mit viel Liebe zum Detail präsentiert.

Spürbar sind das große antiquarische Wissen des Autors und zugleich sein »ausgeprägtes Interesse an den exzentrischen Seiten des Lebens« (Klappentext) – typisch britisch. Das gilt auch für die vielen Zitate im Text. Dafür hat er tief in den Quellen gegraben und so manchen Schatz gehoben.

Brooke-Hitching stellt auf 256 Seiten in vier Kapiteln die Entwicklung der Astronomie vor – von den Anfängen im Orient bis zur modernen Astrophysik. Bereits in der Einführung wird das Interesse des Lesers durch Kurioses geweckt. So soll der vatikanische Bibliothekar Leo Allatius im 17. Jahrhundert geschrieben haben, dass »die Vorhaut von Jesus nach seiner Beschneidung in den Himmel aufstieg und zu einem Ring des Saturn wurde«.

Im ersten Kapitel »Der Himmel der Antike« spannt der Autor den Bogen von prähistorischen Höhlenzeichnungen über Stonehenge, die Babylonier, Ägypter, Inder und Chinesen bis hin zu den Griechen. Leider fehlen hier wichtige Namen wie Eratosthenes und Aristarch. Man stößt auch auf Übersetzungsmängel; so heißt es etwa »Astroarchäologie« statt »Archäoastronomie«. Allerdings entschädigen dafür die doppelseitigen, meist farbigen Abbildungen zu den Weltbildern der alten Kulturen.

Das zweite Kapitel behandelt das Mittelalter von der islamischen Astronomie über die Maya, Inka und Azteken bis zur Scholastik. Auch hier ist die Übersetzung nicht immer korrekt. So wird aus Al-Sufis Beschreibung des Andromedanebels (englisch: cloudy patch) ein »kleiner Schmierfleck«. Überdies stimmt nicht, dass der persische Astronom auch die Große Magellansche Wolke entdeckt hat.

»Der wissenschaftliche Himmel« ist Thema des dritten Kapitels. Kern ist die Auseinandersetzung um das heliozentrische Weltbild – mit den Protagonisten Nikolaus Kopernikus, Tycho Brahe, Galileo Galilei, Johannes Kepler – und seine physikalische Begründung durch Newton. Dies ist auch die Zeit der ersten großen Sternatlanten, wie Johann Bayers »Uranometria« oder der »Atlas Coelestis« von John Flamsteed. Hier ist der Autor in seinem Element und zeigt beeindruckende Reproduktionen.

Das letzte Kapitel ist mit »Der moderne Himmel« überschrieben. Ausgangspunkt sind die Beobachtungen von »Wilhelm« Herschel. Unerwähnt bleibt, dass der aus Hannover stammende Astronom den Namen William bevorzugte und – aus Abneigung gegen sein Heimatland – kein Deutsch mehr sprach und schrieb. Insbesondere in diesem Kapitel, wo es stärker um astronomisch-physikalische Fakten geht, wird klar, dass Brooke-Hitching nicht vom Fach ist. So schön die vielen Abbildungen auch sind, der Text ist an etwa 30 Stellen inkorrekt oder ungenau, was gelegentlich dem Übersetzer anzulasten ist (und natürlich dem Lektorat).

Unter anderem heißt es zu Herschels Entdeckung des Uranus fälschlicherweise, der Planet habe »bisher als Fixstern gegolten« und das Teleskop in Greenwich hätte nicht ausgereicht, ihn zu sehen. Seine Schwester Caroline war nicht »auf einem Auge erblindet«, und beide veröffentlichten auch 1820 keinen »Katalog mit 5000 Nebeln« (das tat John Herschel 1864). Aus dem Fachbegriff »faint nebulae« machte der Übersetzer »Nebel mit dunklen Farben«. Der Autor begeht den Standardfehler, »die Milchstraße habe [nach Herschel] die Form einer Linse«, was sich bekanntlich nur auf einen vertikalen Querschnitt bezog. Er behauptet, John Herschel habe die Infrarotstrahlung entdeckt – das war aber William. Der Messier-Katalog von 1782 (eigentlich 1781) enthält nicht 107 Objekte, sondern 103. Der Entdecker des Planetoiden Vesta war nicht Bode, sondern Olbers. Das von Kirchhoff spektroskopisch entdeckte Element Rubidium heißt hier Rubium. Seite 211 zeigt »Percival Lowell an seinem 60-Zentimeter-Spiegelteleskop«, obwohl er durch den großen Refraktor seiner Sternwarte blickt.

Dem Autor ist offenbar auch der Unterschied zwischen fotometrischer und fotografischer Helligkeit nicht klar. Einsteins fünf Arbeiten von 1905 können nicht »unter dem Begriff der ›Speziellen Relativitätstheorie‹ zusammengefasst werden«. Irreführend sind die Aussagen »die elektromagnetischen Wellen selbst waren der Raum« (im Zusammenhang mit dem Äther) und dass »die Zeit durch die Schwerkraft gekrümmt wird«. Seltsam liest sich auch, Voyager I würde in 44 000 Jahren den Stern Gliese 445 passieren – denn der Abstand wird satte 1,6 Lichtjahre betragen.

Allen, die ein einmaliges Bilderbuch der Astronomiegeschichte erwerben wollen, kann man das Werk von Edward Brooke-Hitching wärmstens empfehlen. Wer aber Wert auf naturwissenschaftliche Fakten legt, sollte parallel ein einschlägiges Standardwerk zu Rate ziehen. Geografisch und allgemeinhistorisch glänzt der Autor zwar, nicht aber astronomisch/physikalisch. So gesehen bietet der Atlas des Himmels viel Licht, doch leider auch einigen Schatten.

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