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»Der bestirnte Himmel über mir«: Immanuel Kant und das besondere Schicksal der Vernunft

Die Werte unserer Zivilisation sind untrennbar mit der Aufklärung und so auch mit Immanuel Kants Denken verbunden. Daniel Kehlmann und Omri Boehm führen einen Dialog über Kant, der eine gelungene Einführung in sein Werk bietet und auch dessen dunkle Seiten in den Blick nimmt.
Blaunebliger Sternenhintergrund aus dem einige Sterne hell herausleuchten.

Immanuel Kant (1724–1804) vollzog die »kopernikanische Wende« in der Philosophie und setzte sie so auf völlig neue Bahnen. Mit einer Fülle an Events wird sein 300. Geburtstag bedacht: Filmen, Veranstaltungen, Ausstellungen und Büchern, außerdem erscheint eine neu kommentierte Ausgabe seiner Schriften. Allerdings drängt sich die Frage auf, wie man Kants Bedeutung einer Öffentlichkeit nahebringt, die eher mit der Abwehr seiner Werke befasst zu sein scheint, seit sie ins Zentrum der Rassismusdiskussion geraten sind.

Einen guten Weg finden der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der deutsch-amerikanische Philosoph Omri Boehm mit ihrem 300 Seiten langen philosophischen »Gespräch über Kant«, einem Dialog auf Augenhöhe. Boehm hat als Philosoph zwar den größeren Gesprächsanteil, Kehlmann ist aber mehr als nur ein Stichwortgeber; er hat Philosophie studiert und an einer Dissertation zu Kants Ästhetik gearbeitet.

Vier Fragen hat Kant sein Leben lang gewälzt: »Was kann ich wissen?«, »Was soll ich tun?«, »Was darf ich hoffen?« und »Was ist der Mensch?« – Leitfragen noch heute im gymnasialen Philosophieunterricht. An ihnen arbeiten sich die Autoren ab, im Blick stets die »Verlegenheit« Kants, der sie selbst als das »besondere Schicksal« der Vernunft bezeichnet hat: die uns mit Fragen belästige, die wir nicht abweisen, aber auch nicht beantworten können, weil sie unsere Vernunft übersteigen.

Wie die beiden Kants Denken aus der Auseinandersetzung mit Vorgängern herausarbeiten, macht die Lektüre spannend. Kant musste eingrenzen, was sicheres Wissen ist, bevor er zu Fragen von Moral und Gesellschaft antworten konnte. René Descartes’ (1596–1650) Skeptizismus weist er zwar zurück, übernimmt aber aus dessen »Ich denke, also bin ich« die These, dass unser Wissen im Selbst gründet und wir somit frei im Denken seien. Gleichzeitig weiß er von Baruch de Spinoza (1632–1677), der Gott in allen Dingen der Natur gesehen hat, und von Isaac Newton (1643–1727), der die Entdeckung der Gravitation als Naturgesetz formuliert hat, dass der Mensch ein Naturwesen ist und der Kausalität nicht entkommen kann. Schließlich hadert Kant mit David Hume (1711–1776), der Wahrnehmung und Erfahrung zu alleinigen Grundlagen unseres Wissens bestimmt hatte. Kant fügt hinzu: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.«

Ein gelungener Dialog

Damit sei ihm ein Weg vorgezeichnet, der in die so genannten Antinomien münde: logisch sich widersprechende Sätze, die dennoch gleichermaßen gültig beweisbar seien. So zeige Kant unter anderem, wie sich sowohl beweisen ließe, dass die Welt einen Anfang, als auch, dass sie keinen Anfang habe; dass alles, was geschehe, aus Gründen geschehe, aber Freiheit begründbar sei. Kants Ausweg sei, den Menschen der Natur unterzuordnen und ihm gleichzeitig Freiheit im Denken zuzugestehen.

Nach Böhm und Kehlmann ist dies eine Philosophie des »Als ob«: Wir richten uns zwar nach unseren Erfahrungen, aber die Vernunft fügt ihnen notwendig das Denken hinzu; wir nehmen die Dinge nicht wahr, wie sie sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen; wir handeln zwar nach Gewohnheiten, doch die Vernunft gibt uns die Freiheit, moralisch zu denken, und stellt uns vor die Pflicht, uns ein sittliches Gesetz autonom und ohne Gott zu geben; wir können zwar Gott nicht erkennen, ihn aber als moralisches Wesen denken. Kant stelle Menschen vor die dauernde Aufgabe, durch Selbstdenken den Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu finden, wie es in seiner berühmten Definition der Aufklärung heißt.

Das Buch ist gut lesbar, weil die Gesprächspartner es schaffen, die Komplexität von Kants Denken im Dialog verständlich zu machen. Sie nehmen dabei viele seiner Themen auf, zeigen ihn als Begründer einer philosophischen Ästhetik und diskutieren, was er uns heute noch zu sagen hat, und stellen fest, dass kaum ein Philosoph nach ihm ohne Kant ausgekommen sei. Kants Philosophie ist komplex; so ist auch das Buch anspruchsvoll, es erfordert eine gewisse Kenntnis der Philosophie und veranlasst zum Mitdenken. Als Leser ist man herausgefordert nachzufragen, sich ins Gespräch einzubringen, auch zu widersprechen.

»Die Würde des Menschen ist unantastbar«, dieser erste Artikel des Grundgesetzes ist in Kants sittlichem Gesetz verankert, und er begründet seinen Universalismus. Angemessen ist daher, dass sie Kant Rassismus als »Verrat« am eigenen Denken, am kategorischen Imperativ und dessen »Universalismus« vorhalten. Fragwürdig bleibt dagegen ihre These, dass Kant besser »keine Anthropologie geschrieben« hätte. Diese Behauptung wird unter anderem der Tatsache nicht gerecht, dass er über 20 Jahre lang Vorlesungen über sie gehalten hat, anthropologische Fragen also sein Denken maßgeblich prägten. »Konsequent zu sein, ist die größte Obliegenheit eines Philosophen und wird doch am seltensten angetroffen«, schrieb Kant in seiner »Kritik der praktischen Vernunft«. Mit Blick auf manche Passagen seiner Anthropologie trifft er mit dieser kritischen Anmerkung auch sich selbst.

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