»Der Darm-Doc«: Mit den »Fäulnis-Boys« am Grill
Um den Darm und die Verdauung ranken sich viele Mythen – wenn es nach dem Notfall- und Intensivmediziner Ulrich Selz geht, sind 20 von ihnen besonders relevant. Nach diesen benennt er die Kapitel seines mehr als 400 Seiten starken Buchs. Die Mythen reichen von »Der Darm ist nur ein Verdauungsrohr« über »Gesunde Ernährung heilt alle Darmprobleme« bis hin zu »Darmgesundheit ist nur für Erwachsene wichtig«.
Selz schreibt als professioneller Mediziner, aber auch als Betroffener. Er erklärt detailliert, wie die Reise eines Bissens Nahrung durch unseren Körper aussieht, wie die verschiedenen Abschnitte unseres Verdauungsapparats aufgebaut sind und auf welch vielfältige Arten dieser aus dem Lot geraten kann. Außerdem erläutert er das diagnostische Vorgehen bei Darmproblemen sowie konkret die Fragen, die er während einer Anamnese stellt – so nimmt er Patienten wie Lesern die Angst vor »peinlichen« Themen wie Blähungen oder Untersuchungen wie einer Koloskopie. Dabei legt er Wert auf eine ganzheitliche Sicht der Dinge, sodass zum Beispiel auch die Zusammenhänge zwischen Darm, Psyche, Immunsystem und Haut erwähnt werden. Seine eigene Praxis firmiert denn auch als »Spezialpraxis für Komplementärmedizin«.
Vier Schritte für eine verbesserte Darmgesundheit
Pauschale Empfehlungen zu geben, wäre bei der Vielzahl von möglichen Darmproblemen – etwa Lebensmittelunverträglichkeiten, ein durch Antibiotika aus dem Gleichgewicht geratenes Mikrobiom oder ein Reizdarmsyndrom – unseriös. Selz warnt daher immer wieder davor, aufgrund der Lektüre selbst Diagnosen zu stellen oder voreilig komplett seinen Speiseplan zu ändern. Nur weil man nach dem Essen einer Scheibe Brot Darmbeschwerden hat, heißt das noch lange nicht, dass man auf Gluten verzichten muss.
Stattdessen präsentiert der Autor einen hilfreichen Fahrplan für den Weg zu einem (be)ruhig(t)en Darm. Schritt 1 ist eine umfassende Diagnostik, bevor in Schritt 2 der Darm saniert werden kann. Pilzen, Parasiten oder Fäulniskeimen geht es dabei an den Kragen, Entzündungen werden behandelt, bevor die Darmschleimhaut dann wieder aufgebaut wird. Schritt 3 umfasst eine Anpassung der Ernährung und des Lebensstils inklusive Stressmanagement. Erst im 4. Schritt kommen gezielt Nahrungsergänzungsmittel zum Einsatz, weil der Darm für diese erst nach entsprechender Vorbereitung durch die ersten drei Schritte empfänglich ist.
Mutige Metaphern
Die Wissensvermittlung gelingt dem Autor insgesamt sehr gut. Man merkt, dass er in seinem YouTube-Kanal schon viel Erfahrung damit gesammelt hat, komplizierte Vorgänge im Inneren unseres Körpers verständlich in Worte und Bilder zu fassen. Dabei setzt Selz auch auf Metaphern, etwa, wenn er das Darmmikrobiom als Garten oder Party beschreibt. Dank blumiger Beschreibungen von Bakterienstämmen tummeln sich auf den entsprechenden Tanzflächen dann zum Beispiel die »Prevotella-Divas«, während die »Fäulnis-Boys« am Grill stehen – so bleiben die Eigenschaften der verschiedenen Darmbewohner besser im Gedächtnis. Allerdings kommen die Fallbeispiele manchmal doch etwas belehrend daher. Bei Sätzen wie diesen fühlt man sich doch sehr stark an die Hand genommen: »Eva hat verstanden, dass ihr Körper keine Maschine ist, die man mit dem richtigen Hack repariert, sondern ein komplexes Ökosystem, das man richtig verstehen und liebevoll pflegen muss. Sie ist jetzt offen für Wissen, aber immun gegen Dogmen. Gesundheit, das wird ihr klar, ist ein fortwährender Dialog.«
Ulrich Selz bietet in seinem umfangreichen Buch sehr viel wertvolles Wissen über den Darm. Dank der lebendigen und bildhaften Schilderungen kann man sich auch komplizierte Zusammenhänge merken. Insgesamt also eine Leseempfehlung – aber man muss Geduld mitbringen, um sich durch das dicke Buch sowie die zusätzlich online verfügbaren Informationen, Videos und Downloads zu arbeiten.
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