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Mensch 2.0?

Uns könnte eine folgenreiche humangenetische Revolution bevorstehen, wie aus diesem Buch hervorgeht.

In nicht allzu ferner Zukunft könnte es möglich sein, »Designer-Babys« zu erschaffen. Wie werden die Menschen damit umgehen? Der amerikanische Publizist Jamie Metzl widmet sich auf 424 Seiten dieser spannenden Frage. Als Senior Fellow eines Thinktanks und früherer Berater der Clinton-Regierung in Sachen Informationstechnologie und öffentliche Angelegenheiten ist er sich sicher, dass die humangenetische Revolution die Menschheit für immer verändern wird. Mit seinem kurzweiligen Sachbuch »Der designte Mensch« schafft er es, die Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu lenken. Gut verständlich vermittelt er fundiertes Hintergrundwissen zur Humangenetik und regt zum Nachdenken an.

Zu Beginn unternimmt Metzl eine Reise durch die Geschichte der Genetik – von Darwin und Mendels Vererbungslehre bis zur Aufklärung der DNA-Struktur und den Genome-Editierungs-Techniken wie CRISPR-Cas. Leichtfüßig erklärt er seinen Lesern die fachlichen Grundlagen: den Aufbau von Chromosomen und Genen etwa oder die Funktion von Proteinen. Auch schwierige Begriffe wie Einzelnukleotid-Polymorphismen werden hier nachvollziehbar, selbst für Leser, die nicht näher mit dem Gebiet vertraut sind. Die Lektüre vermittelt einen guten Einblick, wie rasant sich die Genetik verändert hat.

Kinder mit ausgewählten Merkmalen

Metzls Beschreibungen künftiger Kinderwunschkliniken wirken auf den ersten Blick wie Sciencefiction. Doch schon heute werden bei der In-vitro-Fertilisation, also der künstlichen Befruchtung, täglich Analysemethoden und Auswahlkriterien angewendet, um schwere Erkrankungen des Embryos zu vermeiden. Künftig, meint der Autor, würden Embryonen auch nach gewünschten Merkmalen etwa hinsichtlich der Leistungsfähigkeit ausgewählt. Metzl zeigt hier auf, wie viele Faktoren etwa eine Eigenschaft wie Intelligenz bestimmen. Dabei beleuchtet er das komplexe Zusammenspiel von Genen und Umwelteinflüssen anhand bildhafter Analogien, ebenso wie die Entstehung schwerer monogenetischer Erkrankungen, die auf eine einzelne Mutation zurückgehen.

Das Buch führt vor Augen, welche Konflikte es mit sich bringt, Kinder nach spezifischen Eigenschaften auszuwählen. Doch nicht nur die Selektion von Embryonen, sondern auch aktive Veränderungen von deren Genom werden laut dem Autor künftig alltäglich sein. Er zeigt das am Beispiel der mitochondrialen DNA (mtDNA): Wenn diese mutiert ist, kann es zu schweren, oft tödlichen Erkrankungen kommen. Da die mtDNA immer mütterlicherseits vererbt wird, lassen sich solche Erkrankungen verhindern, indem man die Mitochondrien einer Eizelle durch intakte von einer anderen Spenderin austauscht. Die Kinder, die aus solchen modifizierten Eizellen hervorgehen, haben somit zwei biologische Mütter – und zusammen mit dem Vater somit drei Eltern. In einigen Ländern sind solche Kinder bereits auf die Welt gekommen. Da sie die mtDNA an ihre eigenen Nachkommen weitergeben, stellt dieses Verfahren auch einen Eingriff in die DNA künftiger Generationen dar.

Metzl vergleicht die momentane genetische Revolution mit der Entwicklung der Atomkraft: Beide hätten das Potenzial, Leben enorm zu verbessern oder extremen Schaden anzurichten. Genau wie für Atomwaffenabkommen werde es auch bei der Gentechnik internationale Übereinkommen geben müssen, meint er. Allerdings zeige die Klimakrise, wie steinig der Weg hin zu einem gemeinsamen Konsens sei. Der permanente technologische Fortschritt erfordere zudem ein sehr flexibles Regelwerk. Manchen Randaspekten gibt der Autor zu viel Raum. So widmet er ein ganzes Kapitel dem Thema gesundes Altern. Auch springt er manchmal unvermittelt von Thema zu Thema – etwa von gentechnisch veränderten Pflanzen zu Abtreibungsfragen.

Unter Strich ist »Der designte Mensch« dennoch ein Buch für alle, die sich näher mit der humangenetischen Revolution auseinandersetzen möchte. Es eignet sich auch für Skeptiker, da Metzl im Sinn einer konstruktiven Diskussion verschiedene Weltanschauungen und Meinungen vorstellt.

10/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10/2020

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