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Vom Wolf zum Haushund

Auf der Basis persönlicher Erfahrung beleuchtet ein Evolutionsbiologe, wie der Hund zu unserem treuen Begleiter wurde.

Mit etwa 500 Millionen Individuen weltweit sind Hunde nach den Katzen die zweithäufigsten Haustiere. Doch anders als Katzen gehen sie eine viel engere Beziehung zu ihren Haltern ein. Warum das so ist, liegt in der Entwicklungsgeschichte des Haushunds verborgen. Die ist alles andere als lückenlos bekannt: Schon wissenschaftliche Schätzungen, wann aus Wölfen zahme Hunde wurden, gehen weit auseinander. Genauso wenig sicher ist, wie die Domestikation ablief. Josef Reichholf, Evolutionsbiologe und ehemaliger Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München, widmet sich in seinem neuesten Buch »Der Hund und sein Mensch« intensiv diesem Thema und stellt dabei hauptsächlich drei Fragen: Wie wurde der Wolf zum Hund? Warum geschah das? Was sind die Folgen?

Beeindruckende Anpassungsfähigkeit

Als Rahmenhandlung schildert der Autor persönliche Erfahrungen mit zwei Hunden. So hatte er als Jugendlicher zeitweise die Gelegenheit, bei Wanderungen in seiner bayerischen Heimat einen ausgebildeten Polizeihund mitzunehmen. Damals war er, ohne sich näher mit dem Wesen des Tiers zu beschäftigen, schwer beeindruckt von dessen Fähigkeiten und seiner Bereitschaft, sich dem Menschen anzupassen. Im letzten Kapitel geht Reichholf auf die Erlebnisse mit einem Mischling ein, den er gemeinsam mit seiner Frau aufzog. Erst im Zusammenleben mit diesem begann der Autor, sich intensiv damit zu beschäftigen, was Hunde eigentlich sind und wie sie sich dazu entwickelten.

Der Buchtitel zeigt bereits, dass Reichholf dem Wolf eine aktive Rolle bei der Annäherung an den Menschen zuschreibt. Dazu stellt er der gängigen These zur Domestikation eine eigene gegenüber. Erstere besagt, Steinzeitmenschen hätten vor mehr als 10 000 Jahren den Wolf gezähmt. Nach Ansicht vieler Forscher geschah dies, indem unsere Vorfahren Welpen, die nach dem Tod ihrer Mutter hilflos zurückgeblieben waren, aufnahmen und großzogen. Während die Rüden mit Einsetzen der Geschlechtsreife wegzogen, seien die Weibchen geblieben und hätten nach der Paarung mit wilden Artgenossen Junge bekommen, die wiederum von Menschen großgezogen wurden. So seien die Wölfe mit der Zeit immer anhänglicher und zahmer geworden, bis sie die Menschen irgendwann auf die Jagd begleiten konnten.

Ein solch zielgerichtetes Vorgehen unserer Vorfahren, das erst nach vielen Generationen hätte Früchte tragen können, hält Reichholf für unwahrscheinlich. Er geht davon aus, der Wolf habe den ersten Schritt getan. Einige Individuen seien irgendwann dazu übergegangen, den Menschen zu folgen – anfangs, um von ihren Jagdabfällen zu leben. Zuerst vermutlich nur geduldet (vielleicht auch deshalb, weil sie die Menschen vor aggressiveren Artgenossen schützten), hätte sich die Beziehung zwischen den beiden ohne vorsätzliches Handeln mit der Zeit vertieft. Erst viel später sei Homo sapiens dann dazu übergegangen, gezielt die zahmsten Tiere für die Zucht auszuwählen. Diese Theorie belegt der Evolutionsbiologe mit vielen Fakten, ohne dabei außer Acht zu lassen, dass sie sich – zumindest bisher – nicht beweisen lässt.

Reichholf ist ein versierter Wissenschaftsautor, der viel beachtete und mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsbücher veröffentlicht hat, etwa »Rabenschwarze Intelligenz« (2011) oder »Das Leben der Eichhörnchen« (2019). Wie in vielen seiner Werke erzählt er auch in »Der Hund und sein Mensch« eine Geschichte. Besonders bei den Schilderungen seiner persönlichen Erfahrungen mit den beiden besonderen und – wie er betont – doch ganz gewöhnlichen Hunden wird diese Stärke deutlich. Der Mittelteil, der sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Domestikation des Wolfs auseinandersetzt, geht inhaltlich sehr in die Tiefe und verlangt den Lesern teilweise etwas Geduld ab. Erst später wird klar, dass die intensiven Ausführungen zur eiszeitlichen Lebenswelt, zur Lebensweise heutiger, verwilderter Hunde und der Vergleich mit anderen Raubtieren notwendig sind, um die Schlussfolgerungen des Autors gänzlich nachvollziehen zu können.

Die Besonderheit des Buchs liegt in dem objektiven und doch liebevollen Blick auf die Tiere und ihrem arttypischen Verhalten. Reichholf zeigt neue Wege auf, wie der Haushund entstanden sein könnte, vor allem aber auch, was diesen ausmacht. Und – das ist dem Autor besonders wichtig – wie Hund und Mensch zum gegenseitigen Nutzen zusammenleben können.

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