»Der Kaiser von Dahlem«: Zwischen Genie und Größenwahn
Mangelndes Selbstvertrauen konnte man diesem Mann sicher nicht nachsagen. Selbst in Momenten, in denen es um sein Leben ging, bewahrte Otto Warburg seine Haltung und seine Souveränität. Als 1934 ein Zollbeamter der Nationalsozialisten mit einem Stapel Papiere vor der Türe des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie in Berlin-Dahlem stand und von dem jüdischen Otto Warburg einen Ariernachweis verlangte, damit seine Mitarbeiter Ethanol kaufen durften, warf er den Nazibürokraten kurzerhand aus seinem Institut. Schon das hätte seinen Tod bedeuten können. Doch Warburg blieb nicht nur in diesem Moment ungeschoren. Er schaffte es trotz seiner Abstammung und seiner Homosexualität, über die gesamte Nazizeit in Freiheit seiner Forschung an Krebszellen nachzugehen.
Otto Warburg galt auf seinem Gebiet als Genie, als Ausnahmeerscheinung. Nicht einmal Adolf Hitler und seine Schergen konnten das ignorieren. Hitler war, nachdem seine Mutter früh an Brustkrebs verstorben war, persönlich an der Steigerung der Heilungschancen bei dieser Krankheit interessiert. So kam es, dass nur wenige Stunden vor dem Überfall auf die Sowjetunion, im Juni 1941, in der Neuen Reichskanzlei in Berlin auf höchster Ebene Warburgs Schicksal diskutiert wurde. Danach wurde dem Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin des Jahres 1931 mitgeteilt, dass er seine Arbeit fortführen dürfe.
Ein anstrengendes Genie
Diese packende Begebenheit erzählt der Journalist Sam Apple in »Der Kaiser von Dahlem« und unterstreicht damit die Bedeutung eines der berühmtesten Krebsforscher der Neuzeit. Der Autor beschreibt Otto Warburg als exzentrischen, eigenwilligen und eher schwierigen Zeitgenossen. Warburg ordnete alles seiner Forschung unter. Das verlangte er auch von seinen Mitarbeitern, die seinen herrischen Launen täglich ausgesetzt waren.
Sam Apple erzählt nicht nur von sozialen Umständen und biografischen Begebenheiten in Otto Warburgs turbulentem Forscherleben. Er berichtet auch und ebenso ausführlich von den ersten ernst zu nehmenden Erkenntnissen der modernen Krebsforschung und deren Weiterentwicklung bis in die Gegenwart hinein.
Pionier und Außenseiter
Als Pionier im Kampf gegen Krebs hat Otto Warburg zweifelsfrei einen großen Beitrag dazu geleistet, die Krankheit besser zu verstehen. So entdeckte er, dass Krebszellen sich nicht wie andere Zellen ernähren. Krebszellen verschlingen Glukose oder Blutzucker – bis zu zehnmal mehr als gesunde Zellen im selben Gewebe. Irgendein Mechanismus in den Kraftwerken der Krebszellen musste verändert sein, vermutete Warburg.
Sam Apple blickt aber auch kritisch auf Warburgs Forschungsergebnisse. Genie hin oder her: In etlichen wissenschaftlichen Debatten stand Warburg auf der falschen Seite, schreibt Apple. So möchte der Autor sein Werk als Biografie eines Visionärs und zugleich als Parabel auf die Gefahren allzu großer Gewissheit verstanden wissen. Gerade in diesen kritischen Betrachtungen liegt eine Stärke des Buchs. Man erfährt viel über das Leben des berühmten Krebsforschers, versteht aber auch, wie schwierig Warburgs Persönlichkeit war. Und man erlebt hautnah, was es bedeuten kann, wenn jemand zu sehr von seinen Errungenschaften überzeugt ist: Otto Warburg ging Diskussionen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Weg und verschloss sich gegenüber jeder Kritik aus der »Scientific Community«.
Krebsforschung und die Bedeutung unserer Ernährung
Erhellend ist auch Apples Gang durch die Entwicklung der Krebsforschung vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Dabei wird auch klar, welch großen Einfluss unser heutiger Lebensstil und vor allem unsere Ernährung auf das Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Für das Verständnis dieser Ausführungen ist ein gesteigertes Interesse an medizinischen Fragestellungen hilfreich, denn sie nehmen durchaus längere Passagen in Anspruch.
»Der Kaiser von Dahlem« ist eine gelungene Verbindung einer spannenden Biografie mit der Geschichte der Krebsforschung. Dabei stimmen insbesondere die Erkenntnisse über die möglichen Ursachen von Krebserkrankungen nachdenklich.
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