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Buchkritik zu »Der kleine Medicus«

"Jeder Mensch ist ein Juwel!" – so Dietrich Grönemeyer, Professor für Radiologie und Mikrotherapie der Universität Witten-Herdecke und Leiter eines eigenen Instituts für Mikrotherapie in Bochum. Vielleicht hat er "faszinierend und höchst wertvoll" gemeint.

Der Held des Buchs, ein Fünftklässler namens Nano, begibt sich mit ein paar Fragen zum Arzt. Unter den zahlreichen technischen Geräten in dessen Praxis ist ein Verkleinerer. Fortan reist Nano in einem mikroskopischen U-Boot durch den Verdauungskanal einer "tollen und ungewöhnlichen Frau" namens Micro Minitec, der flippigen und erfindungsreichen Assistentin des Arztes, und erlebt die wildesten Abenteuer.

Wie in jeder Abenteuergeschichte gibt es die Guten, die dem Menschen wohlwollen und dem Autor vor allem dazu dienen, Nanos Fragen zu beantworten, und die Bösen. Allen voran Professor von Schlotter – natürlich hat er sich seinen Professorentitel erschlichen –, der das Licht der Sonne nicht mehr verträgt, seit er jahrelang in finsteren Kellergewölben seinen üblen Machenschaften nachging. Sein vertrottelter, kettenrauchender Gehilfe Scherge schleimt sich bei ihm ein, weil er mit dabei sein will, wenn von Schlotter die Weltherrschaft an sich reißt. Nur seine ehemalige Doktorandin Micro Minitec hat sich rechtzeitig auf die Seite der Guten geschlagen.

Dramatisch wird es, als von Schlotter Nanos Großvater kidnappt, um an ihm sein neues Gehirnmanipulationsgerät zu erproben. Doch bevor der schurkische Professor über die Karrierestufen Dorfbürgermeister, Landeschef und so weiter zum Weltherrscher aufsteigt, legen ihm Nano und die Guten das Handwerk, weil sie mit der "guten" Technik ausgestattet sind. Eine weitere Reise durch den Menschen, diesmal unter anderem durch Großvaters Gehirn und Nervensystem, gibt dem Autor Gelegenheit, aufklärende Worte über die verschiedensten Körperteile, Krankheiten und zugehörigen Hausmittelchen unterzubringen.

Die Geräte, die der Fantasie Grönemeyers entsprungen sind, erinnern den Leser eher an einen Sciencefictionroman als an eine Medizinlektüre. Die Sprache ist das Neudeutsch, das der Autor für Jugendsprache hält; wahrscheinlich wäre der Text leichter ernst zu nehmen, wenn er in Erwachsenendeutsch geschrieben wäre. Insgesamt ist die Geschichte kein Erich Kästner, aber dennoch in sich abgerundet und spannend aufbereitet.

Immer wenn von einem medizinischen Gerät, einer Krankheit oder einem Körperteil die Rede ist, gibt ein eigener Kasten weitere Erklärungen, allerdings sehr anspruchsvoll geschrieben und eventuell etwas zu kurz. Nanos Altersgenossen werden die Geschichte wohl genießen und mit den Erläuterungen ihre Schwierigkeiten haben. Gelungen sind die in den Text eingestreuten doppelseitigen Bilder von vergrößerten Teilen des Körpers. Was es darauf zu sehen gibt, steht leider erst ganz am Ende des Buchs.

Nachdem die Geschichte das Interesse der "jungen Leser" geweckt hat, geht Grönemeyer auf den letzten 60 Seiten noch einmal gezielt, mit schönen Bildern und Erläuterungen, auf den Körper, dessen Aufbau und Funktionen ein. Außerdem behandelt er die für Kinder interessanten Krankheiten und deren Therapien in hilfreichen Erklärungen. Eindrucksvoll beschreibt er eine gesunde Lebensweise und verdeutlicht die Folgen von falscher Ernährung, Schlafmangel und anderen Standardfehlern. Dieser Teil des Buchs ist eher ein Nachschlagewerk für alle möglichen Fragen, denn auf kreative Weise ist es dem Verfasser gelungen, das ganze Gebiet "Medizin" abzudecken.

Dietrich Grönemeyer plädiert für einen natürlichen Umgang mit dem eigenen Körper und dessen Funktionen. So berichtet er durchgehend von Hausmitteln, die man ohne Arzt anwenden kann, oder gesunderhaltenden Maßnahmen.

Obwohl dieses Buch in der Geschichte nicht klar genug zwischen Fantasie und Realität unterscheidet, ist es für Kinder, die schon etwas anspruchsvollere Texte auffassen können, sehr zu empfehlen!

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 11/2006

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