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Über das Philosophieren mit Kindern

Einblick in die scharfsinnige Gedankenwelt der Vier- bis Elfjährigen

In welchem Alter sollte man mit dem Philosophieren beginnen? So pauschal ist diese Frage natürlich schwer zu beantworten, hängt das doch sehr davon ab, was genau man unter »Philosophieren« versteht. Begreife man es jedoch im sokratischen Sinne einer anspruchsvollen Befragung, mit der man seinen Verstand schärft und seine Gedankengänge verfeinert, so besteht laut Frédéric Lenoir keinerlei Altersbeschränkung.

Seit 2015 widmet sich der Soziologe, Religions­wissenschaftler, Philosoph und Autor zahlreicher Bücher (darunter »Über das Glück: Eine philosophische Reise«) dem Philosophieren mit Kindern. Im französischsprachigen Raum hat er bereits mit Hunderten von ihnen Philosophiekurse bestritten. In diesem Buch berichtet er von seinen Erfahrungen und will Erziehern, Eltern und Lehrern zeigen, wie sich Meditation und die philosophische Diskussion positiv auf Kinder auswirken. Gleichzeitig soll es eine Art Anleitung sein, um selbst solche Kurse durchführen zu können.

Danach richtet sich auch der Aufbau des Werks. Nach einer kurzen Einführung in die Praxis der Achtsamkeit und des Philosophierens konzentriert sich der Verfasser im Hauptteil auf die wortgetreue Wiedergabe einiger seiner Unterrichtsstunden. Diese konkreten Beispiele sollen zusammen mit den abschließenden praktischen Hinweisen zu 20 zentralen philosophischen Begriffen interessierte Leser bei der eigenen Ausführung unterstützen.

Subjektive Sicht

Die Idee, Kindern das philosophische Denken zu vermitteln, ist nicht neu, sie wurde bereits in den 1970er Jahren konzipiert und seither in unterschied­liche Richtungen weiterentwickelt. Darüber liefert Lenoir nur einen kurzen Abriss. Er selbst hat sich bei seinen Kursen, wie er schreibt, überwiegend von Intuition leiten lassen. Daher gewährt das Buch einen interessanten, aber zugleich vor allem subjek­tiven Einblick in die spezifischen Erfahrungen des Autors.

Trotzdem lässt man sich gerne von seiner Begeisterung für das Konzept anstecken und verfolgt im Herzstück des Buchs gespannt, was Kinder zu zehn der großen Fragen des Lebens wie Glück, Emotionen und Sterblichkeit zu sagen haben. Anscheinend ist es Lenoir in seinen Kursen tatsächlich gelungen, einen Rahmen zu schaffen, der zu eigenständigem Denken und Refle­k­tieren anregt. Leser bekommen einen Einblick in die vielfältige und mitunter scharfsinnige Gedankenwelt der Vier- bis Elfjährigen, die man sich auch für den ein oder anderen Erwachsenen wünschen würde. Nur eines der vielen Beispiele: »Es ist besser, sich selbst zu ändern, als andere zu verurteilen.«

Anhand seiner Kurse möchte der Autor seine eigene Vorgehensweise und die auf seinen Erfahrungen basierenden zehn Empfehlungen für Philosophiekurse mit Kindern verdeutlichen. Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei, Diskussionen anzuregen und zu fokussieren, ohne dabei die eigene Meinung in den Vordergrund zu rücken.

Mehr als ein Drehbuch benötigt

Sicherlich können Lenoirs Beispiele als Denkanstöße dienen. Als eigenständige Anleitung zum Durchführen vergleichbarer Kurse genügen sie aber nicht. Dafür braucht es mehr als ein Drehbuch – nämlich Neugier, Inspiration und wissbegierige Kinder. Der letzte Teil des Werks, in dem der Autor 20 zentrale Begriffe der Philosophie wie »Liebe«, »Pflicht« oder »Wahrheit« leider sehr nüchtern und abstrakt »auf den Punkt bringt«, ist wohl vor allem dafür hilfreich, sich dank der ausführlichen Literatur- und Filmempfehlungen weiter mit den jeweiligen Themen zu beschäftigen, statt direkt anwendbar zu sein.

Alles in allem ein durchaus lesenswerter Erfahrungsbericht sowie eine Anregung, sich auf das Philosophieren mit Kindern einzulassen. Ein bisschen erscheint das Buch dabei aber als Werbung in eigener Sache: und zwar nicht nur für das Konzept an sich, sondern auch für die von Lenoir selbst gegründete Stiftung Savoir Être et Vivre Ensemble, von der er abschließend berichtet.

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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