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Buchkritik zu »Der menschliche Geist«

Der erfahrene Wissenschaftsjournalist John Horgan, ehemals Redakteur bei "Scientific American", hat sein Handwerk gelernt. Das Buch ist spannend und unterhaltsam geschrieben.Horgan gibt keinen Überblick über den aktuellen Stand der Hirn- und Kognitionsforschung. Er versucht vielmehr, gängige Forschungsfragestellungen und -methoden kritisch zu reflektieren, was im amerikanischen Untertitel "How the Human Brain Defies Replication, Medication and Explanation" deutlicher ausgedrückt wird als im deutschen. Adressat ist am ehesten derjenige Bewohner eines Gehirns, der sich fragt, was die moderne Hirnforschung zu seinem Weltbild und zur Bewältigung seiner psychischen und spirituellen Probleme beiträgt. Damit steht das Buch in einer amerikanischen Tradition populärwissenschaftlicher Darstellungen.Horgan steht der Hirn- und Kognitionsforschung noch kritischer gegenüber als den übrigen Zweigen der Naturwissenschaften (vergleiche sein Werk "An den Grenzen des Wissens", besprochen in Spektrum der Wissenschaft 11/1997, S. 138). Er weist mit einigem Recht darauf hin, dass im soeben vergangenen Jahrhundert die Theorien zur Repräsentation höherer Hirnleistungen (des "Geistes" in der deutschen Übersetzung) kaum konzeptuell weiterentwickelt worden seien. Bereits in der Einleitung kündigt er an, dass er am Ende kein positives Fazit ziehen könne. Angesichts des enormen Wissenszuwachses in den kognitiven Neurowissenschaften überrascht diese düstere Grundhaltung; sie erklärt sich jedoch bei näherer Beschäftigung mit dem Buch. Für Horgan ist eben die entscheidende Frage, was die Forschungsergebnisse für die Selbsterkenntnis des Hirnbesitzers einbringen.Zu Beginn stellt Horgan einige führende Neurowissenschaftler vor, die in aller Bescheidenheit bekennen, dass das klassische Leib-Seele-Problem immer noch ungelöst ist (siehe Spektrum der Wissenschaft 10/1992, S. 48). Viele Hirnforscher verschrieben sich deshalb dem reduktionistischen Ansatz, das subjektive Erleben aus ihren Forschungen auszublenden, mit der Konsequenz (dem "reduktionistischen Dilemma"), über innere Seelenzustände nichts aussagen zu können. Horgan stellt das exemplarisch an den Arbeiten von Patricia Goldman-Rakic dar, die er in seiner Beschreibung schlechter macht, als dieser großen Forscherin gebührt. Weniger der Grundlagenforschung verhaftete Wissenschaftler wie der New Yorker Emotionsforscher Joseph LeDoux sind Horgans Thema näher und werden positiver bewertet.Von der Analyse von Defiziten nach Hirnschädigungen hält Horgan auch wenig, mit dem trivialen Argument, wegen der Individualität des einzelnen Gehirns seien die Schädigungsfolgen nicht streng vorhersehbar. Damit unterschlägt er, dass die Analyse des Einzelfalles unter Berücksichtigung seiner Individualität eine lange und äußerst fruchtbare Tradition in der Neuropsychologie hat. Überraschenderweise preist er am Schluss Oliver Sacks als Vertreter genau dieses "Richtung weisenden" Ansatzes.Horgans Auseinandersetzung mit den Theorien und Ergebnissen der modernen Hirnforschung umfasst nur knapp 60 Seiten. Sie vermittelt ein unvollständiges, zu Gunsten der Argumentation des Autors verzerrtes und oft falsches Bild.Im nächsten Teil wendet sich der Autor den neurowissenschaftlichen Grundlagen der Psychoanalyse zu. Hier kommt er zu dem zutreffenden Schluss, dass die analytische Theorie bestenfalls in Bruchstücken und nur mit viel Spekulation durch neurowissenschaftliche Ergebnisse belegbar ist. Eine Widerlegung der analytischen Theorie gelinge allerdings ebenso wenig. Ein empirischer Beleg der klinischen Wirksamkeit der Methode fehle. Hier bringt das Buch nichts Neues.Der Wirksamkeit anderer psychotherapeutischer Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie steht der Autor ebenso skeptisch gegenüber. Hier wird dem Leser wieder ein falsches Bild vermittelt, da für einige Verfahren hervorragende empirische Daten vorliegen.Horgans vergleichende Bewertung der Wirkungen und Nebenwirkungen von Psychopharmaka fällt ebenfalls kritisch aus. Die ausführliche Behandlung der Wirksamkeit derzeitiger therapeutischer Interventionen bei psychiatrischen Störungen geht am Thema des Buches letztlich vorbei, könnte aber für den oben skizzierten Adressaten von Bedeutung sein.Im Weiteren befasst sich das Buch mit den Ergebnissen genetischer, molekular- und evolutionsbiologischer Forschung zu psychiatrischen Erkrankungen, künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzen. Die Darstellung ist manchmal oberflächlich, insgesamt korrekt, geht aber nicht über andere populärwissenschaftliche Werke hinaus.Der gelungenste Teil des Buches sind die letzten etwa 60 Seiten. Hier gibt Horgan anhand der Referate der Tagung "Toward a Scientific Basis of Consciousness" (Tucson 1994) die aktuelle Diskussion zum Leib-Seele-Problem wieder und stellt Beziehungen und Kontraste zwischen aktuellen Theorien dar. Schließlich löst er das Problem der Beziehung von Geist und Gehirn von der naturwissenschaftlichen Betrachtung und bricht eine Lanze für die mystische Erfahrung. Ein Satz aus dem Epilog gibt Horgans Fazit wieder: "Die Gefahren wissenschaftlicher Selbstüberschätzung sind am größten, wenn Wissenschaftler nicht bloß ein Heilmittel für Krebs oder eine andere Krankheit suchen, sondern eine endgültige Erklärung dafür, wer wir sind oder, schlimmer noch, wer wir sein sollten."Horgans Buch umfasst eine Sammlung von – kurz angerissenen – Themen, deren derzeitige wissenschaftliche Durchdringung sehr unterschiedlich ist, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben und erst gegen Ende in der Diskussion zum Leib-Seele-Problem zusammengeführt werden. Der Autor vermag Spannung zu erzeugen und zu unterhalten, vor allem dadurch, dass er Theorien und Forschungsergebnisse personalisiert. Auch die durchgehend kritische Einstellung gegenüber der modernen Hirn- und Kognitionsforschung dürfte das Interesse an dem Buch befördern. Wegen seiner Einseitigkeit geht es jedoch an der Entwicklung der Wissenschaft, insbesondere der Theorien zur Repräsentation von Geist und Psyche, vorbei.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 12/00

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