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»Der Placebo-Effekt«: Wirksame Kommunikation dank Placeboeffekt?

Placeboeffekte werden als oft »eingebildete Wirkung« abgetan. Doch sie basieren auf realen Prozessen und können, richtig eingesetzt, Therapien erfolgreicher machen

Im Alltag begegnet er uns immer wieder, der Placeboeffekt. Erwarten wir, dass etwas Bestimmtes passiert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch eintritt. Die Medizin weiß das bereits seit Langem. Hochwertige wissenschaftliche Studien testen neue Medikamente deshalb stets im Vergleich zu einem Placebo, um nachzuweisen, dass ein neues Produkt tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt und seine positiven Effekte nicht bloß das Resultat von Erwartungen sind.

Doch der Placebo- und der Noceboeffekt sind weit mehr als ein Zufallsgeschehen, das es statistisch zu isolieren gilt. Sie sind auch Teil jeder medizinischen Behandlung und können über Erfolg oder Versagen einer Therapie mitentscheiden. Das beschreiben die Autoren Lorenz Peters, Helena Hartmann, Ulrike Bingel und Sven Benson kurz und praxisnah in diesem Buch, das bei Springer in der Reihe »essentials« erschienen ist.

Motivation statt Täuschung

Sowohl der Placebo- als auch der Noceboeffekt lösen reale, physiologisch hochkomplexe Prozesse in Gehirn und anderen Bereichen des Körpers aus. Beide basieren auf einem Zusammenspiel aus Erwartungen, Wissen, Kommunikation, Interaktion und vielen weiteren Faktoren, die etwa dazu führen, dass allein ein aufklärendes Gespräch die Wirkung von Medikamenten bereits verbessern kann. »Die Erwartung einer Verbesserung aktiviert etwa endogene Schmerzhemmsysteme, moduliert Stresshormone wie Cortisol oder stimuliert die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, die Motivation und Wohlbefinden steigern«, schreiben die Autoren.

Das lässt sich praktisch nutzen – jedoch nicht, indem man Patienten beispielsweise wirkstofffreie Tabletten untermogelt oder ihnen das große Medizinwunder verspricht. Eine Anleitung zur Patiententäuschung zu geben, sei explizit nicht das Ziel des Buchs; es gehe vielmehr darum, die Wirksamkeit von Maßnahmen, Therapien und Medikamenten durch seriös eingesetzte Placeboeffekte zu steigern, so die Autoren – indem gezielt kommuniziert wird, ohne dabei Patienten zu manipulieren.

Das gelinge durch eine wohldosierte Mischung aus Erklärungen von Zusammenhängen und Wirkweisen sowie wertschätzender Kommunikation und gemeinsamer Entscheidungsfindung. »Eine einfache, zuversichtlich vermittelte Aussage wie: ›Diese Behandlung hat vielen geholfen‹ kann bereits physiologische Reaktionen auslösen – etwa eine Reduktion der Herzfrequenz bei Unruhezuständen oder eine veränderte Hormonfreisetzung durch Stressreduktion«, geben die Autoren eine praktische Handlungsempfehlung.

Auf die Kommunikation kommt es an

Ein weiteres Beispiel: Wird Patienten vorab erklärt, dass ein Schmerzmedikament Entzündungen hemmt und sich der Körper dadurch regenerieren kann, werden sie es eher nehmen, als wenn sie lediglich appellativ aufgefordert werden, die entsprechenden Tabletten dreimal am Tag einzunehmen. Ein positives Framing mit realistisch-positiven Erwartungen statt Katastrophisierung oder Druckaufbau ermögliche bessere Ergebnisse. So lasse sich der Placeboeffekt nicht nur nutzen, um eine Therapie zu optimieren; vielmehr könnten Patienten damit ihrer Therapie leichter treu bleiben.

Das Buch will dabei nicht als kommunikative »Einbahnstraße« verstanden werden. Die Autoren geben nicht nur im Text selbst praktische Tipps, sondern verweisen auch immer wieder auf ihre wissenschaftliche Arbeit etwa im Projekt »eKommMed.nrw« oder im Sonderforschungsbereich »Treatment Expectation«, nennen Open-Source-Angebote und fordern zum Dialog auf. Aus einem kleinen Fachbuch ist so eine kompakte praktische Kommunikationslehre geworden. Sie wird in der Praxis zwar aufgrund des Zeitdrucks oft an ihre Grenzen stoßen (was die Autoren durchaus anerkennen), kann aber gerade in komplexen Fällen zum Durchbruch verhelfen. Dabei gelingt es den Autoren auch, auf sensible Themen wie die Notwendigkeit unterschiedlicher Kommunikationstechniken in verschiedenen Ländern einzugehen oder auf Unterschiede zwischen Nord- und Südeuropa hinzuweisen, ohne dass dies respektlos oder diskriminierend wirkt. Gleichzeitig setzen sie klare Grenzen dafür, wie und wann suggestive Sprache genutzt werden sollte.

Trotz seines geringen Umfangs ist der Band überraschend vielseitig und erfrischend praxisnah. Sein Aufbau erinnert an eine gut strukturierte und anwenderorientierte Weiterbildung in Sachen patientenzentrierte Kommunikation für Mediziner und Medizinerinnen, die selbst im stressigen Klinikalltag gern und aufmerksam verfolgt wird. Etwas ausführlicher hätte das Buch dennoch ausfallen dürfen, denn am Ende der gerade einmal knapp 60 Seiten bleibt das Gefühl, nur an der Oberfläche dieses wichtigen und komplexen Themas gekratzt zu haben.

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