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Spiritualisierter Reichtum

Bereits in der Antike klaffte die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. Jesus' überliefertes Gleichnis, wonach eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt, gibt Zeugnis davon. Ausgehend von diesem berühmten Wort bei Lukas 18,18-27 spürt der emeritierte Althistoriker Peter Brown der Frage nach, wie es die Christen in der Spätantike mit Wohlstand und Reichtum hielten.

"Der Schatz im Himmel" (englischer Originaltitel "Through the Eye of a Needle – Wealth, the Fall of Rome, and the Making of Christianity in the West, 350-550 AD") erzählt auf mehr als 900 Seiten die Geschichte der ebenso "heidnisch" wie christlich geprägten Welt des Römischen Reichs. Chronologisch zwischen 350 und 550 n. Chr. und geografisch auf den Bereich des westlichen Mittelmeerraumes bezogen, zeigt Brown auf, wie die ursprünglich der Armut verpflichtete Kirche zu Beginn des 5. Jahrhunderts zu einer wohlhabenden Institution wurde.

Money makes the world go round

Das Buch verwebt zwei Handlungsstränge. Der erste handelt von der ambivalenten Rolle des Christentums als einer Religion, die einerseits in der antiken Welt wurzelte und andererseits, als dominierende Religion im Westen des Römischen Reichs, maßgeblich zum Wandel der Antike beitrug. Der zweite Strang handelt vom Zusammenbruch der Zentralgewalt im 5. Jahrhundert und der Christianisierung Europas.

Brown, der zuletzt an der Princeton University lehrte, zeichnet ein vielschichtiges Bild der frühen Kirche und erörtert Haltungen, Meinungen und Umgang mit Reichtum – wobei er sich weniger auf moderne Theorien stützt, sondern vielmehr antike Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Brown folgt dem Geld von Rom nach Mailand, nach Nordafrika und Gallien. Er richtet den Fokus auf superreiche "Heiden" wie Symmachus, aber auch auf prominente Christen, die über Reiche schrieben, etwa Ambrosius von Mailand (339-397), Augustinus von Hippo (354-430) oder Hieronymus (347-420).

Das fürsorgliche Element des Christentums, Notleidenden unter die Arme zu greifen, war nicht dessen ureigene Erfindung, wie Brown zeigt. Schon zuvor sei es im Imperium Romanum Usus gewesen, dass städtische Eliten als Wohltäter auftraten und finanzielle Leistungen für die Allgemeinheit erbrachten – etwa für gemeinnützige Bauten oder zum Unterhalten der Bevölkerung. Dieses "sozio-kulturelle Herrschaftsprinzip durch Brot und Spiele" habe allerdings den Weg für die christliche Idee der Armenfürsorge geebnet. Brachten Schenkungen an die Stadt den Wohltätern zuvor nur diesseitig Ruhm und Ehre, war die christliche Spendenpraxis darauf ausgerichtet, sich mit Armenfürsorge und Kirchenunterhalt einen Schatz im Himmel zu erwerben.

Mittelbeschaffung im Namen des Herrn

Seit dem letzten Viertel des 4. Jahrhunderts wurde die Allianz aus Reichtum und Kirche denn auch immer enger. Die Mächtigen und Wohlhabenden konvertierten in wachsender Zahl zum Christentum und lernten, ihre Mittel im Sinne der Kirche einzusetzen. Wenn Augustinus oder Hieronymus dem Verzicht auf weltlichen Reichtum das Wort redeten und gleichzeitig predigten, man solle den Reichtum zum Festigen der christlichen Gemeinde verwenden, betrieben sie – so Brown – nichts anderes als "Fundraising für Kirchen und Klöster".

Das bedeutete aber auch, dass Christen zunehmend die Machtpositionen des römischen Reichs besetzten. Sie übernahmen Führungsrollen als Bischöfe, Theologen oder christliche Schriftsteller. Der damit verbundene Zuwachs an Finanzmitteln und Einfluss in den Kirchen markiere, so Browns Kernthese, den "wirklichen Wendepunkt in der Christianisierung Europas" – und nicht etwa Konstantins Bekehrung im Jahr 312. Es schlug die Stunde des "Manager-Bischofs", der mit unternehmerischen Fähigkeiten den kirchlichen Landbesitz verwaltete und über den Reichtum der "unsterblichen Kirche" wachte.

Reichtum wurde spiritualisiert, da die mit ihm finanzierten Stiftungen an die Kirche nicht mehr primär der eigenen Sichtbarkeit dienten, sondern vor allem den Armen sowie der Stellung des Ichs im Jenseits. Diese Idee, den kirchlichen Wohlstand, die Armenfürsorge und das Seelenschicksal im Jenseits miteinander zu verbinden, läutete das Ende der Antike und den Beginn des Mittelalters ein.

Brown bringt hochkomplexe Sachverhalte auch einem breiteren Publikum gut verständlich näher. Kompetent beschreibt er die Entstehung, Verwendung und Bedeutung materieller Ressourcen für Kirchen und Klöster, Bischöfe und Kleriker. Wer die Christianisierung des lateinischen Westens verstehen will, kommt in dem informativen, inspirierenden und grandios geschriebenen Buch voll auf seine Kosten.

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