»Der Score«: Spielend die Welt ordnen
Ein Score ist ein Punktesystem. Es kommt nicht nur in Spielen aller Art vor, vielmehr erfassen auch Staaten mithilfe quantitativer Bewertungssysteme wie Metriken oder Scoringverfahren – je nach Gesellschaftssystem in unterschiedlicher Stringenz – etwa den Gesundheitszustand, das Bildungsniveau oder das Wohlbefinden ihrer Bürger. Und auch in der Wissenschaft kommen solche Verfahren in vielen Varianten zum Einsatz.
C. Thi Nguyen, Philosophieprofessor an der University of Utah, schreibt: »Metriken treffen Aussagen über das, was wirklich wichtig ist« und beanspruchen »anhaltende Gültigkeit.« Durch sie wurde fast alles in unserer Welt zählbar gemacht; dadurch haben sie einen großen Anteil an der Entstehung der modernen Gesellschaft. Sie erleichtern individuelle Entscheidungen, indem sie Phänomene greifbar und überschaubar werden lassen. Geld ist zum Beispiel »das ultimative kollektiv geteilte Scoring-System – das System, das für den größten Teil der Welt maximal lesbar ist.«
Vor- und Nachteile von Standardisierung und Quantifizierung
Freilich haben solche Systeme auch ihre Schattenseiten. Sie reduzieren durch Kategorisierung und Inflexibilität die Vielfalt beim Blick auf Mensch und Natur. Einzelne können sich dem Zugriff durch Quantifizierung kaum entziehen, etwa wenn der Staat ihre Daten sammelt oder Steuern erhebt. Trotzdem überwiegen für Nguyen eindeutig die Vorteile des Messens und Wertens: Scores können, so der Autor, Konsens herstellen, weil sie einen quantitativen Maßstab und damit eine Objektivität vermitteln, der sich individuelle Urteile dann anpassen müssen. »Scores erzeugen eine Konvergenz von Urteilen« – und zwar bei einer sehr großen Gruppe betroffener Menschen! Damit ordnen sie, so Nguyen, eine chaotische Welt, welche die meisten gern hinter sich lassen möchten.
Ringelreihen und Demokratie
Vor diesem Hintergrund versteht man auch, warum der Autor dem Spielen eine solche Bedeutung beimisst. Denn Spiele helfen dabei, so seine Überzeugung, sich in die moderne Welt der Scores zu integrieren. Tatsächlich dreht sich das Buch primär um Spiele und erst in zweiter Linie um Scoringsysteme. Das mag überraschen – doch Nguyen ist ein bekennender Gamer, der von sich behauptet, Spiele aller Art bereits selbst intensiv gespielt zu haben: die heute populären Computerspiele ebenso wie das Kinderspiel Ringelreihen. Statt der oft undurchschaubaren Realität bieten Spiele eine durch Scores klar geregelte Welt: Wer die meisten Punkte hat, gewinnt. Alle Spieler müssen sich an die Regeln halten. Dadurch akzeptieren sie, im Einklang mit anderen zu sein, während Menschen außerhalb von Spielen doch oft sehr unterschiedlicher Meinung sind.
Durch Spielregeln lerne man folglich demokratischen Konsens, ordne sich freiwillig der Gruppe unter. Wer unbedingt gewinnen wolle, zeige sich als egoistisch, sei nicht wirklich am Zusammenspiel interessiert. »Spiele können Konkurrenz in Kooperation verwandeln […] Spiele sind sorgfältig konzipierte Strukturen, die Aggression in Spaß verwandeln.« Denn in Spielen orientieren sich alle Teilnehmer an denselben Werten. Spiele, so der Autor, integrieren also in die Gemeinschaft und sind deshalb gerade keine Versuche, der Gesellschaft zu entfliehen.
Gleichzeitig sorgen staatliche wie ökonomische Punktesysteme dafür, dass Handlungsspielräume begrenzt werden: »Metriken hemmen die Verspieltheit«, Spiele dagegen befördern sie. Obwohl auch sie klare Regeln vorgeben, hält Nguyen Spiele keineswegs für lebensfeindlich. Im Gegenteil: »Wenn Spiele das sind, was wir in der Utopie tun, dann müssen sie der Sinn des Lebens sein.«
Auf die Balance kommt es an
Letztlich geht es dem Autor um eine Balance zwischen Spielen und den Scoringsystemen außerhalb dieser. Menschen müssen sich nach Nguyen an Experten und ihren Metriken orientieren, durch die sich die Welt einfach besser verstehen lasse, als sie allein es vermöchten. Diesen Messwerten solle man sich durch das Spielen nicht entziehen, umgekehrt aber auch das Spielen gegenüber den Metriken in seiner Relevanz nicht unterschätzen: »Was wirklich bedeutsam ist, lässt sich unmöglich von Metriken fixieren, findet sich aber leicht in Spielen.« Merkwürdigerweise äußert sich Nguyen nicht genauer dazu, was denn »wirklich bedeutsam ist«.
Der Autor sieht also den Wert der Spiele einerseits darin, dass sie eine Integration in die moderne Welt der Scoringsysteme erleichtern. Gleichzeitig solle man aber auch seine Freiräume verteidigen und darauf achten, sich nicht durch Metriken manipulieren zu lassen, um nicht »das Spiel der anderen zu spielen«, wie es im Untertitel heißt. Insgesamt ist das Buch nur eingeschränkt empfehlenswert. Denn so interessant einige seiner Gedanken auch sein mögen, werden sie doch zu weitschweifig formuliert. Das hätte der Autor kürzer fassen – und dann vielleicht doch der grundsätzlichen Frage nachgehen können, was denn »wirklich bedeutsam ist«.
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