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Seelenmythen

Der Mensch sucht nach Erklärungen, auch für Dinge, die sich kaum erklären lassen. Menschliches Verhalten zum Beispiel. Worauf es gründet, liegt nach heutigem Konsens vor allem in der Psyche des Einzelnen verborgen, meint der Journalist und studierte Psychologe Jens Bergmann. Nicht etwa die Gesellschaft oder sonstige Umstände, sondern das Ich entscheidet. Und darüber, was in seinen Tiefen rumort, lässt sich bestens spekulieren.

Bei ihrer Lieblingsbeschäftigung hätten die Seelenkundler in den zurückliegenden 100 Jahren jede Menge hoch fliegender, aber falscher, ja menschenverachtender Theorien hervorgebracht, schreibt Bergmann – von der Psychoanalyse bis zum Behaviorismus. Der Autor teilt ordentlich aus. Er hält den Fachvertretern grundsätzlich vor, sie könnten, anders als sie behaupteten, den Menschen keineswegs erklären; sie kämen seinem Wesen nicht einmal nahe. Vielmehr würden sie aus einem Gefühl der Minderwertigkeit heraus dem Ideal der harten Naturwissenschaften nacheifern, das sich mit ihrem Gegenstand, menschlichem Denken und Fühlen, freilich nicht vertrage. Oder aber sie verfolgten von vornherein nur kommerzielle Interessen. "Psychologen segeln von jeher hart am Zeitgeist und wissen ihre Chancen bei den jeweils herrschenden Instanzen zu nutzen", polemisiert der Autor.

Die Mantren der Seelenkundler

Er legt die Messlatte allerdings sehr hoch. Obwohl man es Medizinern etwa kaum vorwerfen würde, dass sie nicht exakt berechnen können, ob jemand an Krebs erkrankt oder von einem Medikament profitiert, scheint Bergmann solche treffsicheren Einzelaussagen von der Psychologie zu fordern. Dass diese eine statistische Wissenschaft ist, die auf den Einzelfall angewendet nur Wahrscheinlichkeitsaussagen liefert, übersieht er geflissentlich.

Doch Bergmanns Unbehagen reicht noch tiefer. Er beklagt jene "Übergriffigkeit", wonach Psychologen uns gern Dinge andichten würden, die zutreffen könnten oder auch nicht; wer wisse das schon. Der moderne Alltag sei verseucht davon. Man solle sich öffnen und permanent seine Gefühle mitteilen, man solle an seinen Kompetenzen und dem eigenen Kommunikationsverhalten arbeiten und die persönliche Resilienz steigern. Dass solche Empfehlungen heute wie ein Mantra gehandhabt würden, lastet der Autor der florierenden Psychobranche an – und noch vieles mehr.

Überholter Gegenstand der Kritik

Seine Kritik hat zwei große Schwächen. Erstens greift Bergmann vielfach in die Mottenkiste der Psychologiegeschichte, indem er etwa vorführt, wie fragwürdig der Rohrschach- und andere Psychotests sind und wie wenig Substanz inflationär gebrauchte Begriffe wie "emotionale Intelligenz" oder "Traumatisierung" haben. Dabei zeichnet er stellenweise ein Bild der Psychologie, wie sie vor 30, 50 oder sogar 100 Jahren aussah.

Zweitens wirft er der Disziplin zwar einen Wildwuchs an wohlklingenden und unbelegten Behauptungen vor, verwirft jedoch zugleich das streng quantifizierende experimentelle Vorgehen. Gerade diese Methodenstrenge kann allerdings dazu dienen, den Seelenmythen Einhalt zu gebieten.

So fragt man sich im Lauf der Lektüre zunehmend, was die Alternative zu einer Psychologie sein soll, die der Autor als reduktionistisch und teils esoterisch bezeichnet. Eine Frage, die bis zum Schluss unbeantwortet bleibt. Der von Bergmann gelobte Klaus Holzkamp (1927-1995), der einst eine marxistisch-leninistisch geprägte "Kritische Psychologie" begründete, taugt in dieser Hinsicht jedenfalls kaum zum Vorbild.

Man machte es sich dennoch zu einfach, täte man Bergmanns Argumente als dumpfe Vorurteile oder als Ignoranz ab. Trotz aller Schwächen ist sein Buch für Psychologen und interessierte Laien ein Gewinn. Es lehrt den Leser, sich der Gefahren des Psychologisierens bewusst zu werden und scheinbar alles erklärenden Unterstellungen aus der Psychoecke mit Skepsis zu begegnen.

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