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Die Realität als Feind

Wie Klimawandel-Leugner gegen Tatsachen kämpfen.

Wer gelegentlich mit so genannten Klimaskeptikern diskutiert, bekommt viel Bizarres zu hören. Da behauptet ein Diskutant, Kohlenstoffdioxid kühle die Erde, weil es die Atmosphäre verdunkle und das Sonnenlicht abschirme. Eine andere »Skeptikerin« meint, je mehr die Arktis auftaue, umso kälter werde es dort. Ein dritter streitet ab, dass der atmosphärische CO2-Gehalt in den zurückliegenden Jahrzehnten zugenommen hat.

Woher kommt diese groteske Realitätsverleugnung? Antworten darauf finden sich in diesem Buch, der deutschen Ausgabe des in den USA erschienenen Werks »The Madhouse Effect«. Der Klimatologe Michael E. Mann und der Karikaturist Tom Toles leuchten darin das Spannungsfeld zwischen Politik, Industrie und Klimawissenschaft aus. Dabei führen sie hunderte Quellen an, von Websites über Publikumspresse- und Fachartikel bis hin zu Sach- und Fachbüchern.

Traditionsreiches Nebelkerzenwerfen

Das organisierte Leugnen der Realität hat in den USA eine lange Tradition, wie aus dem Werk hervorgeht. Es begann bereits in den 1950er Jahren, als die Tabakindustrie dazu überging, wissenschaftliche Erkenntnisse über Tabakprodukte in Zweifel zu ziehen. Die erwiesenen Gesundheitsgefahren solcher Erzeugnisse sollten heruntergespielt werden, und das geschah durch gezielte Desinformation, oft seitens vermeintlich neutraler Personen, deren Verbindungen zur Tabakindustrie nicht sofort ersichtlich waren. Das konnten Politiker, Wissenschaftler oder Journalisten sein, die sich gegen Bezahlung instrumentalisieren ließen.

Mann und Toles schildern, wie industrienahe Akteure die »Tabakstrategie« in den folgenden Jahrzehnten wiederholt einsetzten, um wissenschaftliche Belege für Umweltschäden zu diskreditieren. Dabei ging es um das Pestizid DDT, um sauren Regen, um die Zerstörung der Ozonschicht oder eben um den Klimawandel. Bezeichnenderweise waren (und sind) es oft dieselben industriefinanzierten Personen und Organisationen, die auf so unterschiedlichen Gebieten versuchen, die wissenschaftliche Evidenz verächtlich zu machen.

Die Lektüre vermittelt einen Eindruck davon, mit welchen Methoden diese Leute arbeiten. Da werden Zitate von Forschern manipuliert; da wird eine »Petition« gegen das Kyoto-Protokoll im Umlauf gebracht, zu deren »Unterzeichnern« verstorbene Personen und fiktive Figuren aus TV-Serien gehören. Da werden gefälschte Zeitschriftenartikel so formatiert, dass sie aussehen, als wären sie in renommierten Fachjournalen erschienen. Da geben sich Organisationen, die kaum mehr sind als Briefkastenfirmen, als wissenschaftliche Institute aus.

Die Fakten bekämpfen

Solche Täuschungen sollen den Anschein erwecken, dass die Existenz der globalen Erwärmung unter Wissenschaftlern sehr umstritten sei (was sie nicht ist). Wo das nicht gelingt, greifen die Leugner zur Ultima Ratio, wie das Buch an vielen Beispielen zeigt: Sie verunglimpfen den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn an sich, um dem Publikum weiszumachen, es gebe keine Tatsachen, auf deren Grundlage zu debattieren ist. Das richtet sich direkt gegen Evidenz und Empirie und ist deshalb wissenschaftsfeindlich und nicht, wie es oft beschönigend heißt, »wissenschaftsskeptisch«. Es ist eine Tatsachenfeindlichkeit, die die Basis der Verständigung zerstört – bis an den Punkt, an dem Kommunikation nicht mehr möglich ist.

Warum gibt es Wissenschaftler, die sich für so etwas einspannen lassen? Neben Geld spielen hier auch weltanschauliche Motive eine Rolle, wie die Autoren schreiben. Während des Kalten Kriegs etwa hätten sich Physiker zusammengeschlossen, um das Weltraumrüstungsprogramm SDI des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan zu unterstützen. Das Programm war umstritten; Kritiker fürchteten, es werde das Wettrüsten eskalieren und einen Atomkrieg mit der Folge eines »nuklearen Winters« wahrscheinlicher machen. Das versuchten die SDI-Befürworter zu diskreditieren, indem sie die einschlägige Wissenschaft angriffen. Interessant dabei: Die Prognose eines nuklearen Winters beruhte auf globalen Klimamodellen. Staatlichen Regulierungen gegenüber ablehnend eingestellt, hätten viele SDI-Unterstützer ihren Kampf gegen Klimawissenschaft und Klimaschutz später fortgesetzt, heißt es in dem Buch.

Mann und Toles nennen diverse Hintermänner der organisierten Desinformation. Ausführlich widmen sie sich den Koch-Brüdern, den Chefs eines der größten US-Unternehmen im Bereich fossiler Brennstoffe. Die Kochs haben demnach dutzende Millionen Dollar an Akteure gezahlt, die den Klimawandel leugnen und/oder sich gegen Klimaschutz einsetzen.

Später im Buch geht es um »Geoengineering«, etwa um den Vorschlag, Milliarden Spiegel ins All zu schießen oder Unmengen reflektierender Partikel in die Atmosphäre zu schleudern, um das Sonnenlicht abzuschirmen. Manns und Toles' Fazit: Solche Verfahren sind nicht geeignet, um die globale Erwärmung in den Griff zu bekommen. Sie würden massiv ins Erdsystem eingreifen und könnten unkontrollierbare Folgen haben. Zudem wären manche dieser Methoden deutlich teurer als »herkömmlicher« Klimaschutz, der CO2-Emissionen von vornherein reduziert. Das Werk schließt mit dem Kapitel »Rückkehr zum Tollhaus«, in dem es um Donald Trump, seine klimaschutzfeindliche Agenda und die Verstrickungen seiner Regierung mit Mineralölkonzernen geht.

Der Band ist aufschlussreich und erschreckend, auch wenn interessierten Lesern etliches darin bekannt sein dürfte. Die deutsche Übersetzung könnte allerdings besser sein. An nicht wenigen Stellen fehlen Präpositionen und Nomen, wird falsch dekliniert oder tauchen ungeeignete Synonyme auf. Vermutlich liegt es auch an der Übersetzung, dass Toles' Karikaturen mitunter der Biss zu fehlen scheint – jedenfalls sind viele Pointen in der deutschen Fassung schwer zugänglich. Manchmal »klebt« der Text zu sehr am amerikanischen Original; so wäre es beim Thema Extremwetterereignisse günstiger gewesen, mehr Beispiele aus Deutschland zu nennen, um dem hiesigen Publikum mehr Bezugspunkte zu liefern.

Dennoch gibt das Buch wertvolle Antworten auf die Frage, wie es Lobbyisten jahrzehntelang gelingen konnte, Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern, Verwirrung zu stiften und Diskurse zu zerstören. Und das möglicherweise über den Punkt hinaus, ab dem sich katastrophale Umweltveränderungen nicht mehr verhindern lassen.

39/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 39/2018

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