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»Der Westen«: Eine neue Art, Geschichte zu erzählen

Nicht Kulturen schrieben Geschichte, sondern Menschen. Auf ungewohnte Weise zeigt Josephine Quinn, worum sich die Welt vom Altertum bis ins Mittelalter wirklich drehte.

Ägypter, Hethiter, Griechen und Perser, Römer und Karthager – sie stritten und bekriegten sich, doch ohne die anderen wären sie nie zu dem geworden, was sie waren. Ihre Beziehungen untereinander und die Ideen, die sie sich von anderen abschauten, trieben die Menschen des Altertums und des Mittelalters an. Schiffsbau, Schrift, Staatssysteme, Nahrung und Nutztiere, Kunst, Literatur und Wissenschaft, Materialkenntnisse, Verwaltungs- oder Steuerstrukturen – wie die Stränge eines komplexen Netzes verknüpften diese Ideen die Menschen in Europa, Afrika und Asien miteinander und inspirierten sie immer neu. Nicht Kulturen sorgten demnach für historischen Wandel, sondern Menschen und ihre Kontakte zueinander.

Das ist die Kernbotschaft von Josephine Quinns Mammutwerk »Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt«. Mit »Westen« meint die Althistorikerin die moderne westliche Kultur, und die »Erfindung« dabei sei der Glaube, dass diese Kultur auf den alten Griechen und Römern beruhe – eine Vorstellung, die historisch falsch und neuerdings unbehaglich beliebt sei, wenn sich etwa Rechtsextreme auf römische Tugenden berufen.

Dieses Denken in Kulturen oder das »kulturalistische Denken«, wie es Quinn bezeichnet, hätten neuzeitliche und moderne Gelehrte geschaffen. Zum Beispiel der Brite Arthur Evans (1851–1941), der den bronzezeitlichen Palast von Knossos auf Kreta freilegen ließ, die Stätte den Minoern zuschrieb (der Name ist modern) und sie zum Ursprung der europäischen Kultur krönte, die – so seine Überzeugung – anderen Völkern naturgemäß überlegen sei. Derart überkommene, teils rassistische Ideen geistern kaum noch durch die Forschung, wie die Autorin selbst betont. Im Kern orientieren sich Archäologie und Geschichtswissenschaft jedoch weiterhin am Kulturbegriff.

Von Assyrien in die Levante, auf die Iberische Halbinsel und nach Etrurien

Mit ihrer Historie, die eine gewaltige Zeitspanne von 2000 v. Chr. bis 1500 n. Chr. abdeckt, will die Professorin von der University of Cambridge den veralteten Lehren eine neue Perspektive verpassen. Sie folgt den Beziehungen, die Menschen miteinander knüpften. Es ist eine ungewohnte Sichtweise, die weder an geografischen noch an kulturellen Grenzen Halt macht.

So schildert sie beispielsweise die Ausdehnung des neuassyrischen Reichs zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. und berichtet, wie dessen Könige das mesopotamische Land, sein Militär, die Infrastruktur und die Bevölkerung organisierten – und wie sich die Städte am östlichen Mittelmeerrand mit ihren neuen Herren arrangierten. Die Assyrer brauchten Metalle, und die Händler jener Städte segelten dafür nach Westen, weit über Griechenland hinaus bis zur Iberischen Halbinsel, wo sie im 8. Jahrhundert v. Chr. einen kulturellen Wandel befeuerten.

Sie brachten neue Technologien und Techniken in die Region: die schnell drehende Töpferscheibe, bessere Brennöfen, Goldschmiedefertigkeiten, den Weinanbau, die Eisenverhüttung und ein Alphabet. Auch in Etrurien profitierten Menschen von diesen Neuerungen und knüpften ihrerseits im 7. Jahrhundert v. Chr. Handelsbeziehungen in den keltischen Norden, ins heutige West- und Mitteleuropa, sowie nach Osten in die Ägäis. Man teilte bald schon ähnliche Sitten wie das Trinken im Liegen, das wiederum ursprünglich aus dem assyrischen Reich kam.

Gut recherchiertes Geschichtswerk

In 30 abwechslungsreichen Kapiteln und auf 29 Karten durchstreift Quinn die Geschichte. 39 Farbabbildungen im Mittelteil, die ausgewählte Funde und Stätten zeigen, vertiefen die Beschreibungen; leider fehlen im Text Verweise auf die Bilder.

Die Autorin hat tiefgehend recherchiert und ist unfassbar belesen, wie der Fußnotenteil mit knapp 150 Seiten quantitativ bezeugt. Allerdings führt Quinn fast ausnahmslos englische Fachliteratur an. Angesichts der immensen Fülle an Wissen ist das eine verschmerzbare Lücke, obwohl auffällt, dass beispielsweise im Überblick zur Bronzezeit der gut erforschte, von griechischen und deutschen Archäologen ergrabene Fundplatz von Tiryns praktisch keine Rolle spielt.

Wer sich dieser neuen Art der Geschichte nähern will, braucht Durchhaltevermögen. Das Buch ist lang: gut 500 Textseiten, dicht gepackt mit Informationen, die häufig durch Fußnoten auf derselben Seite erweitert werden. Diese Zugaben überfrachten den Inhalt und hätten – wenn überhaupt – besser in den Haupttext gepasst.

Strafexpeditionen der Perser

Quinns Botschaft geht in der Masse von Detailwissen bisweilen unter, selbst wenn sie gebetsmühlenartig bekräftigt, dass viele antike Praktiken und Technologien nicht, wie allgemein angenommen, auf Griechen und Römer zurückgehen. Dennoch: Die Althistorikerin liefert einen kenntnisreichen Überblick und wählt dafür Ereignisse und Blickwinkel, die vielen Leserinnen und Lesern neu sein dürften – etwa die unaufgeregte Sicht der Perser auf die Kriege (oder Strafexpeditionen) gegen die Griechen in den Jahren 490 und 480/79 v. Chr. Diese Konflikte sind fast ausschließlich aus griechischer Perspektive bekannt – inklusive der Deutung, man habe heldenhaft fremde Invasoren abgewehrt.

Und letztlich gelingt es Quinn, ganz nebenbei entscheidende Veränderungen in der Mentalitätsgeschichte abzustecken: Demnach ticken die Europäer der Neuzeit, seit sie Amerika entdeckt und den Kontinent sowie Afrika brutal kolonisiert haben, anders als zuvor.

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