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»Der Wolf und wir«: Mit Mythen aufräumen

Viele Menschen fürchten sich vor Wölfen. Der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal räumt mit vielen Missverständnissen um die Tiere auf. Eine Rezension
Zwei Wölfe

Der Wolf ist zurück. Wie mit ihm umzugehen ist, wird kontrovers diskutiert, vor allem in der österreichischen Heimat des Autors. Denn dort hat sich dank rigider Jagdlobby und populistischer Lokalpolitiker der Bestand nur minimal erholt – ganz im Gegensatz zu Deutschland und Italien. In Österreich gibt es zudem eine eigene Wolf-Verschwörungstheorie, die besagt, dass staatliche Stellen und NGOs wie der WWF heimlich Wölfe züchten und sie dann in den Wäldern frei lassen würden.

Über die Dreiecksbeziehung von Mensch, Wolf und Hund

Kurt Kotrschal ist als weltweit renommierter Verhaltensforscher, Nachfolger von Konrad Lorenz an der Universität Wien und Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums in Ernstbrunn bestens geeignet, um ein Buch über die Dreiecksbeziehung von Wolf, Hund und Mensch mit spannenden Fakten zu füllen.

Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch, die vor rund 35 000 Jahren ihren Anfang nahm, beschreibt er dabei ausführlich. Bis zur neolithischen Revolution (der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 10 000 Jahren) waren die Tiere Jagdpartner auf Augenhöhe. Dann selektierte man sie gezielt zur Zucht, damit sie andere domestizierte Tiere schützen oder als Kampfgefährten in den ersten organisierten Kriegen helfen. Kotrschal zieht dabei eine interessante Parallele von Wölfen und Frauen: Denn zur selben Zeit begannen Männer nach heutiger Erkenntnis mit der Dominierung der Frauen. Demnach gingen die Entstehung des Patriarchats und die der Hunderassen auf dieselben geschichtlichen Umbrüche zurück.

Ganz nebenbei nimmt der Autor in diesem Zusammenhang auch den so genannten »Barfern«, die ihren Hunden 80 Prozent rohes Fleisch füttern, den Wind aus den Segeln. Denn Hunde haben in den letzten 30 000 Jahren von den Essensresten der Menschen gelebt, und bis vor Kurzem warf man Fleisch nicht in großen Mengen weg. Folglich ist diese Ernährungsform weder geschichtlich noch genetisch begründbar.

Kotrschal hat eine einleuchtende Formel parat, um Wölfe von Hunden zu unterscheiden: Zahme Wölfe wurden durch Handaufzucht mit Menschen sozialisiert und domestizierte Wölfe seien Hunde. Zur Domestikation werden immer nur die zahmsten Tiere zur Zucht verwendet. In der Folge wurden die Tiere kleiner, entwickelten kleinere Schnauzen und Zähne und gegebenenfalls Schlappohren und Ringelschwänze. Dieses Muster sei bei allen Tierrassen zu beobachten.

In einem langen Kapitel widmet sich der Autor diesen Unterschieden sowie seiner eigenen Verhaltensforschung mit gleich aufgezogenen Wölfen und Hunden. So seien Wölfe zwar nicht unbedingt intelligenter als Hunde, aber motivierter und ausdauernder beim Lösen von Problemen. Zudem lebten Wölfe streng monogam, während Hunde promisk seien und mehr Sex hätten. Als Folge der Domestikation seien Hunde bereit, menschliche Autoritäten zu akzeptieren, ganz im Gegenteil zu Wölfen, die höchstens als gleichgestellte Partner kooperierten. Die für viele wohl überraschendste Erkenntnis dürfte sein, dass frei lebende Hunde für mehr Verluste an Weidetieren verantwortlich sind als Wölfe. Die Statistik zeige auch, dass es für Menschen viel mehr Gründe gibt, sich vor Wildschweinen zu fürchten als vor Wölfen.

Ebensolchen Vorurteilen, die das Tier zum Sündenbock machen, geht Kotrschal an vielen Stellen nach. Er interessiert sich für den Wolf nicht nur als Tierrasse, die ein Comeback im Bewusstsein der Menschen feiern kann. Er sieht das Lebewesen als wichtigen Teil für die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Biosphäre. Man stößt auf viele engagierte Plädoyers gegen Jagd, Land- und Forstwirtschaftslobby und gegen die völlig verfehlte EU-Agrarpolitik, die nur Großkonzerne belohnt, sowie das EU-Südamerika-Abkommen Mercosur über den Freihandel mit Lebensmitteln, das den Druck auf Bauern und Wildtiere auf beiden Seiten drastisch erhöhen wird.

Kotrschal hat eine klare Haltung und pointierte Sprache und plädiert unmissverständlich für eine ökologische Wende zum Erhalt der Menschheit. Der Autor sieht aber nicht ganz schwarz: Besonders bei der jungen Generation schätzt er ein gesteigertes ökologisches Bewusstsein und die Tatsache, dass sich viele Personen im coronabedingten Lockdown einen Hund als Haustier zulegten – das sei ein Beleg für unsere nicht zu verleugnende Verbundenheit mit Tieren.

»Der Wolf und wir« ist ein im besten Sinne gelungenes Sachbuch, es ist engagiert und unterhaltsam geschrieben. Neben dem üblichen Literaturverzeichnis bietet es auch ein Link-Verzeichnis internationaler NGOs und sogar die Möglichkeit, mit dem Autor in Kontakt zu treten.

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