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Kopflastige Ausbildung

Schule beendet – und nun? Ein Studium, eine Ausbildung, ein freiwilliges soziales Jahr, ein Praktikum? Der 71-jährige Schweizer Nationalökonom, Wirtschaftspolitiker und Chemiker Rudolf Hans Strahm warnt: In Europa gehe das Gespenst der Jugendarbeitslosigkeit um. Jeder vierte Erwerbsfähige in der EU sei ohne Arbeit.

Woran liegt das? Darauf versucht Strahm im vorliegenden Buch Antworten zu finden. In den Ländern Europas, schreibt, zeichne sich schon seit langer Zeit ein industrieller Niedergang ab. Staaten wie Frankreich oder Italien mangele es aber nicht an Ingenieuren oder Naturwissenschaftlern, sondern an qualifizierten Berufsfachleuten – jenen Menschen also, die Innovationen in die Praxis umsetzen können.

Die Schweiz, Deutschland, Österreich, Niederlande und Dänemark verfügen allesamt über ein gut entwickeltes System der dualen Berufsausbildung – also der parallelen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Ihre Jugendarbeitslosenquote liegt deutlich niedriger als in Ländern, die rein schulische Bildungswege bevorzugen. Strahm warnt deshalb davor, der stetig fortschreitende "Akademisierungstrend" in den westlichen Ländern führe zu immer weniger Absolventen des dualen Systems, wodurch höhere Arbeitslosenzahlen drohten.

Schweißer mit Köpfchen, aber ohne Händchen

In Ländern ohne duale Berufsausbildung gehen die Abiturienten oft direkt an die Hochschulen. Hier können sie etwa diplomierter Schweißer werden (wie in Italien üblich) oder "Krankenschwester" studieren (etwa in angelsächsischen Ländern), weitgehend ohne die entsprechende Berufspraxis kennenzulernen. Sicherlich verfügen diese Absolventen über eine höhere Bildung als betrieblich Ausgebildete. Aber verhilft ihnen das automatisch zu mehr Erfolg im Beruf? Strahm meint: Nein.

Diesen negativen Befund untermauert Mitautorin Rahel Eckert-Stauber, Journalistin und Berufsfachschullehrerin, anhand zehn exemplarischer Lebensläufe von Menschen mit ganz unterschiedlichen Ausbildungswegen und beruflichen Laufbahnen. Da ist etwa der schulmüde Sven, der nach der 9. Klasse die Schule verlässt und eine Lehre als Konstrukteur beginnt – und dem sich auf einmal ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Nach der Lehre beginnt er ein Studium als Ingenieur, um schließlich freiberuflich zu arbeiten. Und die Migrantin Nexhmije, gelernte Floristin, betont die Rolle der Berufsausbildung als Integrationsfaktor. Menschen wie Sven oder Nexhmije, die reichlich Praxiserfahrungen gesammelt haben, seien heute gefragter denn je, so die Botschaft des Buchs – im Gegensatz etwa zu Nanuschka und Michaelis, die einen Universitätsabschluss haben und nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Teutonische Plackerei

Laut Strahm und Eckert-Stauber steuern viele EU-Länder infolge des Akademisierungstrends auf eine Sackgasse zu. Dem Berufsbildungssystem müsse mehr Gewicht verliehen werden. Das habe man sogar in den USA erkannt, wo Präsident Obama anregte, das "German Model", also das duale Berufsbildungssystem Deutschlands, zu kopieren.

Viele werden nicht gern hören, was Strahm konstatiert: Die Absolventen der höheren Berufsbildung stellten das tragende Führungspersonal kleiner und mittlerer Unternehmen und seien heute die gefragtesten Fachkräfte, begehrter noch als Hochschulabsolventen. Am Beispiel der Schweiz zeigt er die Vorzüge und Erfolge des dualen Systems. Doch auch in dem Alpenland, warnt er, drohe dieses gut funktionierende System durch fortschreitende Akademisierung untergraben zu werden.

Strahm macht Vorschläge, wie sich die Berufsausbildung aufwerten lässt: Etwa durch einprägsame Titel für die verschiedenen Bildungsstufen, ähnlich wie es Universitäten praktizieren. Zudem sollten sowohl Jugendliche als auch Eltern und Lehrer besser über die Berufsausbildung informiert werden. Um mehr Jugendliche für nicht-akademische Bildungswege zu gewinnen, müsse man ein aktives "Talentmanagment" betreiben, das besonders auf Jugendliche mit Migrationshintergrund abzielen solle, denn unter ihnen gebe es zahlreiche "Aufsteiger".

Ein Umdenken in der Sozialpolitik sei nötig, so das Fazit – denn mangelnde berufliche Ausbildung sei das Armutsrisiko Nummer eins in unserer Gesellschaft. Ungelernte seien dreimal häufiger von Sozialhilfe abhängig als Personen mit Berufsausbildung. Ein engagiertes Buch gegen den Massentrend, Jugendliche um beinahe jeden Preis auf Gymnasium und Hochschule zu schicken.

45. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45. KW 2014

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