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»Die Alpen«: Vom Lebensraum zur Kulisse

Wenn wir nicht gegensteuern, drohen die Alpen immer mehr vom Naturparadies zum gesichtslosen Freizeitpark zu werden. Ein eindringliches Plädoyer von Werner Bätzing.

1991 habe ich mir die 2. Auflage dieses Buchs gekauft, damals lautete der Untertitel noch »Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft«. Auf 286 Seiten und mit einer relativ geringen Anzahl von Karten und Schwarz-Weiß-Bildern bot es damals eine sehr gute Zusammenfassung des Wissens über »die Alpen«. 35 (Forschungs-)Jahre später legt Werner Bätzing, inzwischen Emeritus der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, sein Buch neu und als eine Art Lebenswerk vor.

Die 5. Auflage umfasst über 500 Seiten und ist weit mehr als eine gewöhnliche »Neuauflage«. Es ist ein veritables Handbuch, das die Alpen aus den verschiedensten Perspektiven wissenschaftlich beleuchtet und mit einem gewaltigen Apparat an Fußnoten und Literaturhinweisen zur Vertiefung einzelner Aspekte einlädt. Inhaltlich ist der Autor einem Impuls seiner Frau, der Philosophin Evelyn Hanzig-Bätzing, gefolgt. Sie ermunterte ihn, »nicht bei der Darstellung der empirischen Vielfalt der Alpen stehenzubleiben, sondern sie immer auch aus dem heutigen entfremdeten Selbstverständnis des Menschen zu verstehen.«

Die Folgen menschlichen Handelns

So widmet sich Bätzing neben Natur und Geologie der Alpen auch ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Er skizziert die Geschichte von Landwirtschaft und Viehzucht, unten im Tal und oben auf der Alm, und erläutert die Entwicklung von Bergbau, Handwerk und anderen Formen des alpinen Wirtschaftens. Sein Resümee: Jeder menschliche Eingriff in die Ökosysteme bedeutet auch eine Umweltzerstörung. Das gilt für unsere Vorfahren, die als Jäger und Sammler lebten, ebenso wie für die römische Kultur und selbst für eine traditionelle bäuerliche Nutzung, die eher auf die Stabilisierung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet war. Kriege, die immer wieder auch in den Alpen geführt wurden, schädigten ihre Natur ebenfalls.

Die Moderne und mit ihr die Industrialisierung verursachen, so Bätzing, den »Zusammenbruch der traditionellen Alpenwelt«. Der Verkehr, vor allem die Eisenbahn, und später auch die Fernstraßen mit ihren Viadukten und Tunneln schaffen Vorteile für die Tallagen und Nachteile für höher gelegene Gebiete und insbesondere für die Berglandwirtschaft. Würden Industriegebiete, die das Wasser und die Luft verunreinigen, geschlossen, bedeutete das aus ökologischer Sicht eine »Verbesserung«; aber was hieße das für die vielen Menschen, die dadurch ihre Arbeit verlieren würden?

Bloße Freizeitparks im Hochgebirge?

Besonders gravierend sind die Auswirkungen von Bauwirtschaft und Tourismus. Die großen Hotels in Bad Gastein, Semmering oder Sils Maria legen Zeugnis davon ab, wie lange dieser Prozess schon andauert und – von Zeiten der Stagnation abgesehen – bis heute im Wesentlichen ungebrochen anhält. So finden zum Beispiel auf der 2320 Meter hohen Idalpe bei Ischgl in Tirol immer wieder Konzerte und andere »Events« statt, bei denen die Berge zur bloßen Kulisse für Menschenmassen werden. Mit welchen Herausforderungen die Alpenländer zu kämpfen haben und welche zusätzlichen Probleme die Folgen des Klimawandels mit sich bringen, schildert der Autor ausführlich. Und man muss ihm wohl beipflichten, wenn er feststellt, dass der Tourismus langfristig keine Schlüsselindustrie im Alpenraum sein könne: »Heute sind die Einheimischen weitgehend vom Tourismus ausgeschlossen, und die modernen, technisch umfassend ausgestatteten Tourismusgebiete stellen städtische Freizeitparks im Hochgebirge mit austauschbaren Angeboten dar, die mit den Alpen nicht wirklich etwas zu tun haben.«

Den Alpenstädten und ihrem Wachstum widmet sich Bätzing ebenfalls. Dann beleuchtet er den Naturschutz als »neue Form des Umgangs mit den Alpen«. Schaut man sich die sehr gute Karte der Schutzgebiete im Alpenraum an, so gewinnt man den Eindruck, ein Drittel der Alpenfläche wäre dadurch für immer gesichert. Ein genauer Blick zeigt aber: Der Schwerpunkt liegt eindeutig in den höheren Lagen. Hier befindet sich ein für ganz Europa wertvoller Ausgleichsraum, während in den Tälern und den dortigen Zentren dafür kaum Platz ist. Schließlich bilanziert und bewertet Bätzing die großen Wandlungen der letzten Jahrzehnte. Sein Lieblingsadjektiv ist dabei »gesichtslos« – zur Beschreibung von Städten, einer vielerorts ungebremsten Zersiedelung oder des Baus großer neuer Anlagen.

Die Probleme der tieferen Lagen

Sehr aufschlussreich ist auch die Analyse der Verteilung der Bevölkerung nach der Höhe, die durch drei wundervolle Karten illustriert wird und dabei den Zeitraum von 1871 bis 2021 abbildet – eine enorme Fleißarbeit mit beeindruckendem Ergebnis! Hier stellt der Autor die Befunde aus den vorherigen Abschnitten noch einmal verdichtet dar und sucht nach Alternativen für einen besseren Umgang mit den Alpen als Natur- und Kulturraum.

Bätzings Blick auf die Zukunft der Alpen ist nicht sehr optimistisch. Der Tourismus werde weiterhin wachsen, neue spektakuläre Bauwerke würden errichtet, und der Ausbau der Wasserwirtschaft werde fortgesetzt. Anhand von Szenarien wie einer globalen Wirtschaftskrise, einem (weiteren) Krieg in Europa, einer Krise der inneren Sicherheit, einer europäischen Wasserkrise oder der weiteren Klimaerwärmung plädiert der Autor für neue Wege in eine lebenswerte Zukunft.

Auch wenn der Blick auf das große Ganze des Alpenraums nach Ansicht des Autors zuletzt immer seltener gewagt wurde, hält er an dessen überragender Bedeutung fest. Und er ist überzeugt, »dass mein Konzept gerade heute besonders wichtig und notwendig ist, um angesichts der verbreiteten Umweltzerstörungen realitätsnahe Lösungen entwickeln zu können«. Und wie diese Realität in den Alpen aktuell aussieht, beschreibt kaum ein Werk umfassender und eindringlicher als dieses.

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