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Die Zukunft bleibt unberechenbar

Nate Silver ist weltberühmt geworden, als er bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2012 die Gewinner aller 50 Bundesstaaten plus den in Washington D.C. korrekt voraussagte. Hat er seherische Fähigkeiten? Verrät er uns, wie wir erfolgreich wahrsagen können? Natürlich vermutet man das, wenn sein dickes Buch "Die Berechnung der Zukunft" heißt.

Ich finde – nichts dergleichen. Ein Blick auf den Originaltitel "The Signal and the Noise" stellt klar: Der Autor hat keinen Etikettenschwindel betrieben; es war der deutsche Verlag. Der amerikanische Statistiker und Publizist Nate Silver erhebt nicht den Anspruch, mittels Zauberei in die Zukunft blicken oder das Wahlverhalten seiner Landsleute beeinflussen zu können. Er betreibt ganz einfach Datenanalyse, indem er sorgfältig den bedeutungsvollen Anteil eines großen Zahlenwusts ("signal") vom zufallsbestimmten Rauschen ("noise") trennt.

Das klingt zunächst nach klassischer Messwertanalyse: Man erstellt zu dem Prozess, den man beobachtet, ein mathematisches Modell, das noch einige bedeutende Zahlenwerte ("Parameter") offen lässt. Dann rechnet man aus, mit welchen Parametern das Modell die beobachteten Daten am besten wiedergibt, und verwendet diese für eine Prognose. Das "Rauschen" ist dann die Differenz zwischen der Aussage des Modells und den Beobachtungen.

Das Wählervotum vorwegnehmen, ohne die Wähler zu kennen

Welches Modell verwendet Silver für das Wahlverhalten der Amerikaner? Keins. Er macht sich keinerlei Gedanken über die Seelenlage seiner Landsleute, oder was auch immer deren Wahlentscheidung kausal beeinflussen könnte. Vielmehr fasst er die Ergebnisse zahlreicher Wahlumfragen zusammen und bildet daraus – nein, nicht einfach den Mittelwert. Er berechnet für jede Umfragefirma auf Basis ihrer bisherigen Trefferquote bestimmte Maßzahlen: für ihre Zuverlässigkeit; für ihre Tendenz, bestimmte Kandidaten besser aussehen zu lassen (etwa weil sie von ihnen bezahlt wird); für ihre Neigung, die eigenen Ergebnisse an die der Konkurrenz anzugleichen; und einiges mehr. Auf diese Weise kommt er zu einer Prognose, die besser ist als jede seiner Quellen, und zwar ohne je selbst einen Wähler befragt zu haben. Ausführlich beschreibt er sein Vorgehen auf seiner vielbesuchten Website FiveThirtyEight.com.

Angefangen hat Silver mit der Prognosekunst auf einem ganz anderen Gebiet: Baseball. Leider verstehe ich nichts von diesem Sport, und die Übersetzer offensichtlich auch nicht – sie haben entscheidende Begriffe schlicht aus dem Englischen übernommen, wodurch ganze Passagen für den Laien unzugänglich bleiben. Klar wird immerhin: Jede Aktion in einem Spiel der Nationalliga wird sorgfältig aufgezeichnet und in Zahlen umgesetzt, so dass eine Unmenge an statistischen Daten verfügbar ist. Anhand dieser versucht man dann mit großen Aufwand, die Qualitäten der Spieler zu beziffern und künftige Spielergebnisse zu prognostizieren, obwohl der Ausgang jedes einzelnen Kampfs sehr stark vom Zufall abhängt. Für die Vereine sind solche Prognosen eine Frage von Leben oder Tod, denn Spielergehälter und -kaufpreise bewegen sich in astronomischen Höhen. Ein Fehlkauf kann den Verein ruinieren.

Silver berichtet recht ausführlich, wie er seine frühen Prognoseerfolge eingefahren hat. Er sammelte alle verfügbaren Daten einschließlich der Gerüchte, ließ beim Verknüpfen dieser Informationen ein paar plausible Regeln walten, hütete sich jedoch davor, allumfassende Theorien aufzustellen und war – vor allem – stets bereit, das Vorhersageinstrument an neue Erkenntnisse anzupassen.

Glücksspiel, das Weichen stellt

An politische Prognosen ist er aus schnödem Eigeninteresse geraten. Er spielte intensiv Internetpoker und wollte beizeiten wissen, ob es gewissen Politikern gelingen würde, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Zudem kann man beim Poker durch zutreffende Vorhersagen (bezüglich der Kartenverteilung und des Verhaltens der Mitspieler) viel Geld verdienen. Es genügt, wenn die Prognosen nur im Durchschnitt zutreffen – zumindest wenn man über ausreichende Spielgeldreserven verfügt. Exemplarisch rechnet Silver vor, wie man aus den vorliegenden Karten, dem bisherigen Spielverlauf und der Einschätzung der Mitspieler ermittelt, welche Karten die anderen wahrscheinlich auf der Hand haben. Daraus ergibt sich, zusammen mit der eigenen Risikobereitschaft, eine Spielstrategie.

Wesentliches Hilfsmittel dabei ist eine Formel zur Berechnung bedingter Wahrscheinlichkeiten, die von dem englischen Geistlichen und Mathematiker Thomas Bayes (1701–1761) stammt. Bayes zufolge bezeichnen Wahrscheinlichkeiten keine relativen Häufigkeiten im Grenzwert großer Stichproben, sondern drücken schlicht unsere Unkenntnis über die gegenwärtige Situation aus. Mit jedem neuen Ereignis – etwa wenn ein Mitspieler den Einsatz erhöht – verändern sich zwar nicht die Karten, wohl aber unsere partielle Kenntnis von ihnen.

Vor ungefähr fünf Jahren hat Silver mit Pokern aufgehört – nicht aus moralischen Gründen, sondern weil der Gewinn zur Neige ging. Mit der Zeit lernten auch die anderen Spieler zu prognostizieren, und der Zustrom an unbedarften Neulingen, die man ausnehmen konnte, ließ stark nach. Aus demselben Grund wird auch Silvers Rekord bei den Wahlprognosen wohl nicht lange Bestand haben. Andere lesen fleißig auf seiner Website mit und verbessern daraufhin ihre eigenen Vorhersagen, vielleicht so weit, bis deren Qualität diejenige von Silvers erreicht. Denn eine geheime Einsicht in das Verhalten des Wahlvolks, die einen uneinholbaren Vorsprung verschafft: Die gibt es nicht.

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