»Die berühmtesten Mythen der Wissenschaft«: Legendenbildung in der Wissenschaft
Wissenschaft braucht Helden – und Helden brauchen Legenden, die ihr Wirken und ihre Taten überliefern. So könnte man die Kernaussage von Antoine Houlou-Garcias Buch »Die berühmtesten Mythen der Wissenschaft« zusammenfassen.
Die hier vorgestellten Protagonisten kennt praktisch jeder – denn es sind genau die Persönlichkeiten, die mit ihrer Arbeit die Basis für unsere moderne Wissenschaft geschaffen haben. Ob in der Antike, der frühen Neuzeit oder der Moderne: Ihre fundamentalen Entdeckungen auf den Feldern der Mathematik, der Physik, der Chemie oder der Medizin prägen die Wissenschaft in Methode und Theorie bis heute.
Historische Tatsachen oder Marketing?
Wie diese Genies sind auch viele Legenden, die mit ihnen verbunden werden, weithin bekannt. Wer hier an »archimedische Heureka-Erkenntnisse« in der Badewanne, Newtons fallende Äpfel oder Einsteins Arbeit im Berner Patentamt denkt, liegt genau richtig. Doch was davon stimmt? Was ist so passiert, was wurde historisch ausgeschmückt? Wo und von wem wurden diese Geschichten dokumentiert? Handelt es sich vielleicht sogar um – mitunter von den Protagonisten selbst gewählte – Formen der Selbstvermarktung, um die Arbeit an der eigenen Legende? Wo haben die Genies womöglich sogar von anderen abgeschrieben? Der Wissenschaftshistoriker Houlou-Garcia nimmt sich gerade die bekannten und kaum hinterfragten Anekdoten vor und fühlt ihnen historisch auf den Zahn. Wo tauchen sie zum ersten Mal auf, und wer hat sie verbreitet? Passen sie in die entsprechende Zeit und das jeweilige Weltbild?
Dabei beziehen sich die »Legenden« meist auf die Prozesse, in denen die Forschenden zu ihren revolutionären Erkenntnissen kamen. Ein anderer wiederkehrender Topos der Legendenbildung ist die Persönlichkeit der Forscher, die etwa eigenwilliges und bisweilen schrulliges Verhalten zeigten und dennoch zu geistigen Höchstleistungen fähig waren. Oft thematisiert wird auch die »legendäre« Wirkung von Frauen – insbesondere die von Marie Curie, die als Idol und Vorbild für folgende Generationen von Forscherinnen in der Naturwissenschaft gewirkt haben soll.
Das Buch unterteilt die »Legenden« in elf Kapitel, die sich in unterschiedlicher Tiefe den Protagonisten – meist sind es Männer – widmen. So führt die wissenschaftshistorische Reise von der Antike über die Neuzeit bis in die Moderne. Geografisch stehen dabei Westeuropa und der klassische Mittelmeerraum im Zentrum, der Rest der Welt erscheint nur in Randbemerkungen; das ist schade, denn es wäre besonders interessant gewesen, das Phänomen der Mythenbildung in einem global angelegten (kulturellen) Vergleich zu betrachten.
Indem Houlou-Garcia die Legenden kontextualisiert, macht er uns Lesern deutlich, wie bisweilen unreflektiert wir die »Geschichten« zu den »Eltern der modernen Wissenschaft« akzeptieren – weil sie uns gefallen oder zum lieb gewonnenen Image der jeweiligen Person passen. Immer wieder weist der Autor nach, dass solche Erzählungen gezielt von den Forschern selbst oder ihren Schülern verbreitet wurden, um die eigenen Positionen zu stärken oder Konkurrenten zu diskreditieren. So haben die kritische Reflexion und die historische Einordnung, die der Autor leistet, oft etwas Erfrischendes und Erhellendes. Denn es macht durchaus Freude zu erkennen, welchen Mythen und Legenden man selbst auf den Leim gegangen ist.
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