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Alienologie

Als der Schweizer Künstler Hansruedi Giger (1940-2014) die Aliens schuf, gelang ihm eine Jahrhundertkreation. Die außerirdischen Wesen mit dem langen Hinterschädel, dem gerippten Körper und den Rückenfortsätzen haben schon zahllose Zuschauer erschreckt. Seit nunmehr sieben Filmen bewähren sie sich als vorzügliche Lauerjäger, die gern in schummrigen Ecken verweilen und aus dem Hinterhalt meucheln, am liebsten mit der Schlundzunge.

Das vorliegende Buch liefert eine streng wissenschaftliche Abhandlung über die schnittigen Beutegreifer. Es befasst sich mit den Alien-Filmen von 1979, 1986, 1992 und 1997. Neuere Produktionen, etwa "Prometheus" (2012), lässt es aus guten Gründen links liegen, ebenso die angekündigten Fortsetzungen der Filmreihe. Der Autor Siegfried Bär dürfte vielen aus dem "Laborjournal" bekannt sein, wo er über die Biochemie Feuer speiender Drachen, Graf Draculas und anderer seltsamer Lebewesen geschrieben hat. Siegfried Bär ist das Pseudonym von Hubert Rehm – Biochemiker, Mathematiker, Publizist und Mitherausgeber des "Laborjournals".

Erhellendes über Extraterrestrisches

In seinem Buch behandelt Bär alle möglichen Facetten des Themas. Wo stehen die Aliens im Stammbaum des Lebens? Welche Sozialstrukturen bilden sie aus, über welche Sinne verfügen sie, und was lässt sich über ihren Stoffwechsel sagen? Wie vermehren sie sich, haben sie Träume, und kann man sie essen? Und schließlich, wie soll man sich bei einer Alien-Invasion verhalten? Das Werk ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Es eignet sich für Liebhaber der Alien-Filme, die an Wissenschaft interessiert sind und entsprechende Vorkenntnisse mitbringen. Wer die Filme nicht kennt oder nicht mag, wird mit dem Buch wenig anfangen können.

In stringenten Analysen kommt Bär zu bestechenden Schlüssen. Unter anderem weist er nach, dass die Aliens Wirbeltiere aus der Gruppe der Warane sind. Sie besitzen zwei Symbionten: einen Endosymbionten, nämlich die Schlundzunge, bei der es sich um ein Neunauge handelt. Und einen Exosymbionten in Gestalt des Gesichtsklammerers – wohl ein verdoppeltes Wirbeltier. Hinter der rätselhaften "Molekularsäure" der Aliens kann man eine Mixtur aus Fluss-, Salz- und vielleicht Ameisensäure vermuten. Sie ist nicht, wie oft behauptet, das Blut der Lauerjäger, sondern wird in separaten Körperhöhlen gelagert, die sich über die ganze Körperoberfläche ziehen.

Bärs Betrachtungen gehen tief in Biochemie und Genetik hinein. Etwa wenn er sich dem Betäubungsmittel widmet, das der Gesichtsklammerer ausscheidet (möglicherweise eine Phospholipase); wenn er den Körperpanzer der Aliens beschreibt (Chitin mit Silizium); und vor allem, wenn er die Fortpflanzung der außerirdischen Wesen erörtert. Diese ist äußerst verwickelt und stellt eine Mischung dar aus Parthenogenese (Jungfernzeugung) und geschlechtlicher Vermehrung. Dabei sind die Aliens eusozial organisiert, mit einer Königin an der Spitze, die, zumindest in "Alien 4", sowohl über einen Eibehälter-Legeapparat als auch über eine Gebärmutter verfügt.

Nacktmulls Exempel

Damit man als Leser diese komplizierten Zusammenhänge durchblickt, zieht der Autor zahlreiche Parallelen zwischen Aliens, Ameisen, Bienen und Nacktmullen. Quasi nebenbei vermittelt er dabei eine ganze Menge Biologie. Auch bringt er Texteinschübe mit biochemischen Details über Säuren und Basen, Proteine und Peptide, Nukleinsäuren oder Lipide. Diese benötigt man, um seinen Analysen zu folgen.

In kleinen Randexkursen erzählt der Verfasser über Rottweiler-Hunde oder hinterfragt das Verhalten von Ripley, der Protagonistin der Alien-Filme, aus ethischer Perspektive. Sein Fazit: Ripley, diese "Mutti Merkel des Weltalls", sei eine verantwortungslose, selbstgerechte moralische Hedonistin.

Apropos Merkel. Dass der Autor sie und ihre Politik nicht mag, daraus macht er kein Geheimnis. Hin und wieder teilt er politisch-gesellschaftliche Seitenhiebe aus, in denen er unter anderem die Kanzlerin aufs Korn nimmt, wogegen an sich nichts einzuwenden ist. Allerdings sind diese Sticheleien manchmal über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus despektierlich – ein unnötiger Wermutstropfen. Das Buch würde wunderbar auch ohne sie funktionieren.

Davon unbenommen kann Bär wirklich witzig schreiben. Etwa wenn er darlegt: "Nun wird sich der eine oder andere Leser – wenn es denn mehr als einer sind – darüber wundern, dass der Klon Ripley-8 (...) ohne die entsprechende Vergrößerung des Hinterschädels auskommt." Und ja, Aliens kann man essen. Aus ihrer Schlundzunge lässt sich, insoweit sie molekularsäurefrei entnommen wurde, eine köstliche Bouillabaisse Dragonaise zaubern.

32/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2016

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