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»Die Challenger-Expedition«: Fragwürdige Sternstunde der Meeresforschung

Das Buch soll die wissenschaftliche Arbeit einer Forschungsreise vor 150 Jahren würdigen. Doch das misslingt. Es zeigt vor allem die rassistischen Ansichten des damaligen Autors. Eine Rezension
Große Teile des Meeresbodens entlang des atlantischen Rückens sind mit Fels bedeckt

Ein britisches Kriegsschiff verwandelt sich in ein schwimmendes Laboratorium. Alle Kanonen werden abgebaut. Unter Deck entstehen Arbeitsräume und Laboratorien. Als »HMS Challenger« sticht das Segelschiff im Dezember 1872 in See. Es ist eine Reise über alle Weltmeere, die mehr als drei Jahre dauert. In dieser Zeit messen die mitreisenden Forscher Meerestiefen, Strömungen und Temperaturen, erforschen die Chemie und beobachten das Leben in der Tiefsee. Diese Reise gilt als Sternstunde der Meeresforschung, denn die immense Menge an Daten legt den Grundstein für einen ganzen Forschungszweig. Nicht nur das Leben im Meer, auch das auf den Inseln und an den Küsten wird dokumentiert. Das ist die Aufgabe des Biologen Rudolf von Willemoes-Suhm, für den damals 25-Jährigen eine einmalige Gelegenheit – kurz vor der Abreise ersetzt er einen ausgefallenen Wissenschaftler.

Ein herabwürdigender Blick auf andere Kulturen

Das Buch dokumentiert die Briefe, die Willemoes-Suhm seiner Mutter und seinem Professor von den verschiedenen Stationen schickt. Hier schildert er seine persönlichen Eindrücke des Abenteuers. Doch bevor der eigentliche Text beginnt, schiebt der Verlag noch einige Worte ein.

Willemoes-Suhm erweise sich zwar als hervorragender Wissenschaftler und scharfsinniger Beobachter, aber er sei trotz seiner »Weltoffenheit« in den »Vorurteilen und der Sprache seiner Zeit gefangen, die von der Überlegenheit der Europäer gegenüber den seinerzeit unter Kolonialherrschaft stehenden Völkern ausgingen«. Dennoch solle man die bemerkenswerte wissenschaftliche Zusammenarbeit in der damaligen Zeit über nationale Grenzen wertschätzen. Liest man das Buch, klingen diese Zeilen mehr als verharmlosend. Und auch wenn der Verlag gern die Dokumente im Originaltext belässt, damit ein »unverfälschter Eindruck« entsteht, ist das nicht immer die beste Idee.

Das Vorwort kündigt außerdem »behutsame« Angleichungen der Sprache und größere Auslassungen an. Kürzungen gäbe es nur bei Textstellen, wo der Briefinhalt zu sehr den Charakter einer rein wissenschaftlichen Abhandlung annimmt – im Interesse der Allgemeinverständlichkeit. Der Herausgeber hätte allerdings besser auf den extrem herabwürdigenden Blick auf Angehörige anderer Kulturen verzichtet – im Interesse der dort beschriebenen Menschen. Die wissenschaftliche Arbeit der Forscher zählt zu den Sternstunden, das Weltbild von Willemoes-Suhm sicher nicht.

Der Untertitel erweckt den Eindruck eines Sachbuchs: »Zum tiefsten Punkt der Weltmeere«. Doch es zeigt sich mehr das herabwürdigende Weltbild des Forschers. Zwar illustrieren einige wenige Abbildungen Geräte und Tiere der Expedition, aber im Grunde schildert der Autor, wie er Tiere einsammelt, Ausritte, Landgänge, wie er Audienzen besucht, zu denen er von Konsuln, Königen oder anderen wichtigen Personen eingeladen wird. Man solle diesem Wissenschaftler mit Hochachtung begegnen, schreibt der Verlag. Das mag nicht gelingen.

Willemoes-Suhm erlebt das Ende der Reise nicht, er stirbt kurz vor der Rückkehr an einer Infektion. Um die Expedition dennoch komplett darzustellen, hängt der Verlag zum Schluss die Tagebuchnotizen des Technikers Spry an. Es klingt fast bedauernd, wenn der Herausgeber anmerkt, dieser gehöre nicht den »philosophers« an, dem Wissenschaftlerkreis, und setze ganz andere Schwerpunkte. Eigentlich kann man jetzt als Leser jedoch aufatmen. Spry berichtet nüchtern von der Historie der aufgesuchten Länder und seinen persönlichen Eindrücken. Es ist erholsam, nicht ständig die herablassenden Bemerkungen von Willemoes-Suhm zu lesen, von den »rührend naiv und zutraulichen« jungen Mädchen, von »prachtvoll gebauten Männern«, die sich mit »affenartiger Behändigkeit« bewegen und »in gewisser barbarischer Weise schön zu nennen« seien, oder anderen, die mit einem »vorstehendem Maulwerk« ausgestattet seien. Schade, denkt man dann, die letzten 35 Seiten von Spry sind wohl das Beste an dem Buch.

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