Direkt zum Inhalt

»Die Deutschen und die Natur«: Zwischen Ausbeutung und Verehrung

Zwischen romantischer Anbetung und kalter Instrumentalisierung changiert das Naturbild der Deutschen. Birgit Aschmann geht diesen Ambivalenzen auf den Grund.

Eine »andere Geschichte des 19. Jahrhunderts« verspricht das Buch – und beginnt dann doch genau dort, wo man es von einer Historie über »Die Deutschen und die Natur« erwartet: Bei den Romantikern und Caspar David Friedrich, bei der Rheinbegradigung und Johann Gottfried Tulla. Nun könnte man nach diesen ersten 200 Seiten vermuten, dass es entsprechend weitergeht: mit der Befestigung der Küsten, der Aushebung der Häfen und der Trockenlegung der Moore. Aber dann, kaum ist der Rhein begradigt, schlägt die Berliner Historikerin Birgit Aschmann doch noch einen unerwarteten Bogen und erzählt von der Cholera, der Industrialisierung im Ruhrgebiet und der Kolonialisierung des heutigen Namibias, um mit den Lebensreformern zu enden.

Anders ist diese Geschichte durchaus – aber gelingt es ihr auch, das Verhältnis der Deutschen und der Natur neu zu denken? Der Umweg ist erstmal interessant. Die Cholera – eine äußerst tödliche Krankheit, die, wie man erst später verstand, zumeist durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird – hatte den neuen Fortschrittsglauben im 19. Jahrhundert infrage gestellt. Die Natur barg offenbar noch immer Gefahren, die auch der Staat nicht unter Kontrolle bekam. Selbst Hygienemaßnahmen, wie sie damals durchgesetzt wurden, verfehlten ihre Wirkung. Das ist spannend zu lesen, aber wie hat das nun das Naturverständnis der Deutschen verändert?

Blut und Boden und Bakterien

Die Autorin verzichtet auf eine große These. Das war bei einem ähnlich angelegten Buch, das mittlerweile 20 Jahre alt ist, ganz anders: In »Die Eroberung der Natur« zeichnete der englische Historiker David Blackbourn nach, wie die Rheinbegradigung, die Trockenlegung der Sümpfe und die Rationalisierung der deutschen Landschaft ein geistiges Fundament dafür schufen, den Osten Europas zu unterwerfen. Diesem »wilden Osten«, dessen Landschaft nicht gleichermaßen geformt war, warf man bald auch rassische Unterentwicklung vor und begründete damit Vertreibung und Vernichtung, während man sich zugleich als »Kulturbringer« feiern konnte.

Eine ähnliche Interpretation deutet Aschmann zwar in den Kapiteln über die deutsche Kolonialisierung Afrikas an; hier war es die Ideologie der Bakteriologie eines Robert Koch, die pseudowissenschaftliche Argumente dafür lieferte, dass die Herero und Nama nicht nur militärisch besiegt, sondern auch ausgerottet werden mussten. Zu Blut und Boden kamen die Bakterien. Es sind diese Bezüge, die das Buch interessant machen. Danach galt es, die afrikanische Natur neu zu formen. Was man in Deutschland erprobt hatte, wurde in den Kolonien angewandt: Sümpfe trockenlegen, Wälder ausdünnen, Flüsse korrigieren, »deutschen Wald« in Afrika schaffen.

Friedrich Alfred Krupp als Inbegriff der Widersprüche

Hier wird ein zweites Problem des Buchs deutlich, das allerdings weniger an einer Entscheidung der Autorin als an ihrem Thema liegt: Wir wissen nicht allzu viel über die Natur des 19. Jahrhunderts. Das Großwild in den Kolonien etwa soll erst ausgebeutet und dann geschützt worden sein, schreibt Aschmann. Aber wie viel Großwild gab es damals tatsächlich – vor und nach der Kolonialisierung? Wie sahen die Wälder damals in Namibia wirklich aus? Dazu gibt es bis heute kaum belastbare Daten.

Spannend wird es immer dort, wo das Buch die Widersprüche des 19. Jahrhunderts verhandelt. Mit Blick auf den Stahlmagnaten Friedrich Alfred Krupp beschreibt Aschmann diese sehr gut. Krupp verehrte den Biologen Ernst Haeckel, begab sich auf Tiefseeexpeditionen und grub gleichzeitig das ganze Ruhrgebiet um. Ein »Bewusstsein von der ökologischen Problematik« der Industrialisierung habe Krupps Interesse an der Natur nicht geschärft, so die Historikerin.

Das bringt die eigentliche große Frage in Bezug auf die Deutschen und die Natur auf den Punkt: Wie konnte dieses Land, das so viel Entscheidendes zur Industrialisierung der Welt und zur Ausbeutung der Natur beigetragen hat, zugleich ein so inniges Verhältnis zu dieser Natur entwickeln, mit seinem Kult um Naturkost, Naturheilkunde und Umweltschutz? Wie passt das zusammen? Aschmann liefert dafür viel historisches Quellenmaterial.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Invasive Arten auf den Teller!

Spektrum Geschichte – Farbwunder von Ägypten

Nach 2000 Jahren erstrahlt ein ägyptischer Tempel wieder in Farben, als hätten die Künstler von einst sie erst gestern aufgetragen: Experten haben jahrhundertealte Schmutzschichten von den Wänden und Säulen des Tempels von Esna entfernt. Der neue Anblick hält überraschende Entdeckungen bereit.

Spektrum - Die Woche – Wie viele sind wir wirklich?

Deutschland zählt genau – dachte man. Doch plötzlich fehlen 1,3 Mio. Menschen in der Statistik. Wie kann das sein? Und wie genau wissen wir eigentlich, wie viele Menschen weltweit leben? Die neue Ausgabe von »Die Woche« geht dieser Frage auf den Grund.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.