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Medizinische Kuriositäten

Seit 2013 präsentiert die Zeitschrift "Stern" eine Rubrik namens "Die Diagnose" mit mysteriösen Krankengeschichten, die beinahe kriminalistischen Spürsinn erforderten, um aufgeklärt zu werden. Medizinerin Anika Geisler, seit 2000 als Redakteurin bei der Zeitschrift angestellt, hat die 80 spektakulärsten Fälle ausgesucht und in diesem Taschenbuch zusammengestellt.

Die Geschichten sind alle ähnlich aufgebaut. Meist geht es um Patienten mit längerer Krankengeschichte, denen zuvor keiner helfen konnte und die jetzt bei einem Arzt in Behandlung sind, der ihre zahlreichen Befunde wie ein Puzzle zusammenfügen muss. Manchmal ist es nur ein Zufall, der ihn auf die richtige Spur bringt. Für die Patienten ist die korrekte Diagnose wie eine Erlösung, auch wenn die Therapie jetzt erst richtig losgeht.

Unerkannte Lungenembolie

Mitunter handelt es sich um dramatische Verläufe, bei denen nur die zündende Idee des Arztes den Betroffenen das Leben rettete. Wenn ein Stück Luftballon die Luftröhre eines Kindes verlegt, wenn hinter scheinbar psychisch bedingten Panikattacken eine Lungenembolie steckt oder wenn Bakterien in rasendem Tempo das Bindegewebe eines Beins "auffressen", ist sofortiges und richtiges Handeln erforderlich.

Amüsant dagegen wirken die Geschichten von einer versteinerten Schlange im Magen oder einem mit Bier gefüllten Kondom im Dünndarm. Letzteres ließ sich sogar ohne Operation beheben. Dass zu viel Koffein schaden kann, ist eigentlich allgemein bekannt – dass aber ein Junge plötzlich aggressiv wird und ohne Punkt und Komma sinnloses Zeug daherredet, weil er mehrere Packungen koffeinhaltige Kaugummis verzehrt hat, auf die Idee muss man erst einmal kommen.

Ebenso schwer vorstellbar erscheint es, dass manche Menschen zwei bis drei Packungen Lakritz pro Tag essen oder acht bis zehn Liter Cola trinken, damit sie nachts auf Kängurujagd gehen können. Da muss der Arzt schon die richtigen Fragen stellen, um die Ursache für einen bedrohlichen Kaliummangel zu finden. Von allein berichten die Patienten jedenfalls nicht von solchen merkwürdigen Angewohnheiten, da sie sie ja in der Regel nicht für seltsam, geschweige denn krankheitsrelevant halten.

Folgenreiche Kleinigkeit

Die eine oder andere Episode stimmt auch nachdenklich. Ein Mann, der jahrelang unter Migräne litt und dem Internisten, Orthopäden, Neurologen und Schmerztherapeuten nicht helfen konnten, ging eines Tages wegen Niesattacken und eines Fließschnupfens zum HNO-Arzt. Die Ärztin entdeckte zufällig einen kleinen Knochensporn an der Nasenscheidewand und brachte ihn mit den Kopfschmerzen in Verbindung. So etwas sei zwar sehr selten, argumentierte sie, könne aber vorkommen. Tatsächlich waren und blieben die Kopfschmerzen verschwunden, nachdem der Sporn operativ entfernt worden war. Dieser Patient, den jahrelang höllische Kopfschmerzen plagten, dem medizinische Experten nicht helfen konnten, hatte am Ende also einfach Glück, dass jemand eine vermeintlich unerhebliche Kleinigkeit bei ihm entdeckte, ernst nahm und richtig behandelte.

Von einem guten Arzt erwartet man, dass er Symptome und Befunde immer richtig kombiniert. Aber manchmal gehört auch ein wenig Glück und Spürsinn dazu, um dem Patienten helfen zu können. In diesem Buch gehen jedenfalls alle Geschichten gut aus, zum Schluss "strahlen die Patienten immer vor Freude". Wer aber genauer darüber nachdenkt, kann erahnen, welch lange Leidenswege oft vor, aber auch nach der richtigen Diagnose liegen.

Die Episoden sind leicht zu lesen und spannend geschrieben. Mancher Leser mag sich dazu animiert fühlen, vielleicht doch noch mal zu einem Arzt zu gehen mit den Beschwerden, die bisher nicht recht erklärbar waren. Eine kleine Warnung an Hypochonder: Man bekommt beim Lesen leicht das Gefühl, selbst an einer kryptischen, höchst seltenen Krankheit zu leiden. Der Band ist nicht nur für medizinische Laien, sondern auch für Mediziner sehr lesenswert. Er erinnert selbst den routiniertesten Klinker daran, dass es eigentlich nichts gibt, was es nicht gibt, und dass auch höchst seltene Krankheiten tatsächlich vorkommen.

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Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2017

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