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»Die dunkle Seite des Lichts«: Unklare Projektionen

Milan Dlabal wagt einen frischen Blick auf die Grundlagen der Physik. Allerdings erschließt sich der Nutzen der von ihm eingeführten Begrifflichkeit nicht so ganz.

Die klassische Physik war davon überzeugt, dass sie die Welt so beschreibt, wie sie ist. Die Relativitätstheorien und die Quantenphysik haben diese Vorstellung gewaltig erschüttert. Zunächst erkannte die Wissenschaft in den Relativitätstheorien an, dass die Wahrnehmung der Welt von demjenigen abhängt, der sie wahrnimmt. Dann kam die Quantentheorie, die in ihrer wohl weitestgehend akzeptierten Deutung festhält, dass Physik die Welt lediglich so darstellt, wie sie uns erscheint. Über Jahrhunderte haben, so die Haltung der modernen Wissenschaft, physikalische Theorien und Naturgesetze nicht etwa die Natur abgebildet, sondern unsere Vorstellung von ihr. Experimentalphysik stellt heute Phänomene quantitativ fest; theoretische Physik bildet diese auf mathematische Strukturen ab und macht auf deren Grundlage Vorhersagen, die dann wieder experimentell geprüft werden müssen. Welche mathematischen Strukturen sich als besonders geeignet erweisen, stellt sich oft erst nach längerer Suche heraus. Überzeugende, neue Ansätze bei dieser Suche sind immer hochwillkommen.

Unveränderliche Identitäten

Wenn ich es richtig verstehe – und dessen bin ich mir auch nach intensiver Lektüre seines Buchs nicht ganz sicher –, stellt Milan Dlabal diese Grundannahmen der heutigen Physik nicht infrage. Vielmehr sucht er, so scheint es, nach einer tieferen strukturellen Ebene, die ihnen zugrunde liegen könnte; genauer gesagt, sucht er nicht mehr nach ihr, sondern schreibt so, als sei diese Ebene bereits gefunden und als stünde ihre experimentelle Bestätigung unmittelbar bevor. Eine solche strukturelle Ebene sieht er in einem Raum unveränderlicher Identitäten, den er mit dem Symbol »Ω« bezeichnet. Identitäten aus diesem Raum werden, so der Autor, wahrnehmbar, indem sie in unsere Realität projiziert werden – ein Vorgang, dessen Funktionsweise mir ebenfalls nicht klar geworden ist.

Diese Projektion brauche Zeit und falle umso schwerer, je größer die Masse des projizierten Objekts sei. Es gebe eine gewisse Latenzzeit, während derer sich die Projektion der Identitäten realisieren müsse: »Die minimale Latenz τ [Tau] ist die Zeit, die in der Raumzeit für eine stabile Projektion einer gegebenen Identität erforderlich ist« (S. 31). Beschleunigung werde mit wachsender Masse immer mühsamer, weil sich die Projektion unter Berücksichtigung der Latenzzeit verändern müsse: »Masse […] ist der zeitliche Preis der Beständigkeit« (S. 31). So führt der Autor das Phänomen der Trägheit auf etwas zurück, das sich als eine gewisse Zähigkeit des Prozesses beschreiben ließe, durch den Identitäten in unsere Realität projiziert würden. Diese Zähigkeit nennt Dlabal eine »Projektionsanstrengung« oder »Impedanz« (S. 60).

Altbekanntes in neuem Gewand

Bekannte physikalische Gesetze kommen, so der Autor weiter, dadurch ins Spiel, dass sie als »Constraints« erfüllt sein müssten, bevor überhaupt projiziert werden könne: »Die Realität erscheint nur, wenn sich Identität unter Constraints stabilisieren kann« (S. 59). So bleibt beispielsweise die Einsteinsche Feldgleichung in ihrer Geltung unberührt, aber: »Wir haben die Feldgleichung als Gleichgewicht zwischen Projektionsimpedanz und realisierten Constraints neu interpretiert« (S. 64).

Fast durchgehend bespricht der Autor physikalische Erkenntnisse auf eine Weise, die den Darstellungen in herkömmlichen Physikbüchern inhaltlich nicht widerspricht. Zum Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon etwa schreibt er: »Die Projektionstheorie gibt die Antwort: ›Es [das System aus zwei gemeinsam präparierten Elektronen mit entgegengesetztem Spin] sind nicht zwei Systeme!‹« (S. 88). Nun ja – für diese Antwort wäre eine Projektionstheorie nicht nötig gewesen. Wechselwirkung entsteht aus der Sicht des Autors »immer dann, wenn zwei Identitätssignaturen nicht direkt ko-projiziert werden können, aber zulässig werden, wenn sie in ein Triplett mit einer dritten vermittelnden Identität eingebettet sind« (S. 155). Diese »dritte vermittelnde Identität« würde die herkömmliche Physik »Eichboson« nennen. Ein Proton bestehe »nicht aus drei projizierten Quarks«; vielmehr sei es »ein projiziertes Triplett. Ein Ganzes, das auf einmal realisiert wird« (S. 158). Die gängige Physik hätte vielleicht an der Redeweise, nicht aber an der Substanz dieser Aussage etwas auszusetzen.

Ein physikalisches Höhlengleichnis?

Dabei liest sich das Buch durchaus unterhaltsam, wenn auch stellenweise etwas befremdlich. Im neunten der zwölf Kapitel trifft sich eine illustre physikalisch-mathematische Gesellschaft in einer fiktiven Villa Hypatia am Mittelmeer, bespricht die Projektionstheorie des Autors und erweist sich (natürlich) als von ihr überzeugt. Auf Feynmans Frage »Warum krümmt sich der Raum?« antwortet Cartan, dass die Krümmung »die zweite Ableitung der Latenz« sei (S. 166). Wenn man hier statt »Latenz« das Wort »Metrik« liest, kommt man dem üblichen Verständnis nahe – aber welche Erkenntnis hat man damit gewonnen? »Verschränkung ist, wenn sich Constraints nicht aufteilen lassen«, liest man auf S. 247. Ersetzt man hier »Constraints nicht aufteilen lassen« durch »Zustände nicht faktorisieren lassen«, ist man fast wieder zu Hause im Mainstream gegenwärtiger Physik.

Auf der Suche nach einer Begründung für die dem Buch eigentümliche Begrifflichkeit und dafür, dass sie tatsächlich einen neuen Blick auf die Grundlagen der Physik eröffnet, stößt man am Ende auf etwas, das wie eine neue, physikalische Entsprechung von Platons Höhlengleichnis klingt. Ein Satz fasst hier knapp zusammen, was das Buch im Kern aussagt: »Das nennen wir Projizierbarkeit, also die Leichtigkeit, mit der die Identität eines Systems aus Ω in einen konsistenten Zustand in Raum und Zeit aufgelöst werden kann« (S. 251). Aber welche Vorhersagen ließen sich aus der so skizzierten Projektionstheorie ableiten? Der Autor nennt im Wesentlichen zwei: die endliche Latenzzeit und eine innere Dekohärenz quantenphysikalischer Zustände. Eindeutig wären solche Vorhersagen allerdings nicht.

Was bleibt? Die im Untertitel des Buchs annoncierte »neue Sicht auf die Grundlagen der Physik« führt zwar eine neue Deutungsebene ein, von deren Notwendigkeit oder Nutzen mich die Darstellung des Autors allerdings nicht überzeugt.

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