»Die Elemente der Marie Curie«: Marie Curie und die Forscherinnen in ihrem Labor
Sie reisten aus Norwegen an, aus Belgien, Estland, England, sie kamen aus Montreal, Stockholm und Budapest. Mehr als 45 junge Frauen pilgerten im Laufe der Jahre aus weit entfernten Orten nach Paris, um im Labor von Marie Curie zu forschen. Sie waren fasziniert von der von Curie entdeckten Radioaktivität und wollten an ihrer Untersuchung mitwirken. Marie Curie gab ihnen die Chance dazu – und das in einer Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, in der es Frauen extrem schwer gemacht wurde, zu studieren, zu promovieren oder gar berufliche Erfolge zu erzielen.
Wissenschaftliche Karrieren gegen Widerstände
Die zweifache Nobelpreisträgerin hatte auch Polonium und Radium entdeckt. Aber sie erforschte noch viele weitere Elemente wie Wasserstoff, Kupfer oder Uran. Dava Sobel nutzt das zur Strukturierung ihres Textes, indem sie die Forscherinnen in Curies Labor mit den jeweiligen Elementen verbindet, so dass jedes Kapitel eine Forscherin und ein Element im Namen führt. im Kapitel »Ellen (Kupfer und Lithium)« schildert Sobel etwa, wie die Forscherin und ausgebildete Apothekerin Ellen Gleditsch aus Norwegen die These eines anderen Wissenschaftlers widerlegt. Ramsay, ein Nobelpreisträger, hatte vermeintlich herausgefunden, dass Kupfer zu Lithium zerfällt. Gleditsch bewies dagegen, dass das von Ramsay gefundene Lithium aus dem verwendeten Laborglas stammte; ein Reporter schrieb in der »New York Press«, Gleditsch sei »einer der außergewöhnlichsten weiblichen Forscher in der Wissenschaft« und wunderte sich dennoch: »Was haben Begriffe wie Radioaktivität und Gammastrahlen mit so süßen Lippen zu tun?« Dies ist nur eines von vielen Beispielen Sobels dafür, auf wie viele Arten Frauen in der Wissenschaft belächelt, behindert und als Exotinnen abgetan wurden.
Die vielen Frauen, die in Curies Labor und später im »Radium-Institut« forschten, erzielten große wissenschaftliche Erfolge, promovierten, erhielten Ehrendoktorwürden oder entdeckten neue Elemente. Einigen gelang ein beruflicher Aufstieg, sie erhielten Zutritt in nationale Wissenschaftsakademien oder gründeten wissenschaftliche Frauenvereinigungen. Trotz der vielen anderen Frauen, die Dava Sobel vorstellt: Das Leben von Marie Curie steht im Zentrum des Buchs. Dennoch ist es ein großes Verdienst Sobels, Forscherinnen der Vergessenheit entrissen zu haben, auch wenn die Quellenlage zu ihnen mitunter sehr dürftig ist. Die Autorin hat umfassend recherchiert, und die jeweiligen wissenschaftlichen Zusammenhänge stellt sie dabei auch nachvollziehbar dar.
Die Briefe der Marie Curie
Das gilt auch mit Blick auf das Leben von Marie Curie, das Dava Sobel wunderbar lebendig erzählt. Sie schildert, wie Curie mit Albert Einstein in den Schweizer Alpen wanderte, zitiert aus den vielen, vielen Briefen, die Curie an Wissenschaftler und ihre Familie schrieb – und die andere an sie schickten. Sobel recherchiert aufwendig und reichert ihre Texte mit wertvollen Details an. So schreibt sie, wie der Mediziner Béclère, seine »von zehn Jahren täglicher Röntgenstrahlung gezeichneten Hände […] in grauen Handschuhen« verbarg; oder wie Chemikerin May Sybil Leslie in einem Brief über ihre Chefin Curie schreibt: »Sie redet sehr schnell und sachbezogen […] Meist liegt auf ihrem sehr intelligenten, aber fast immer traurigen Gesicht ein Ausdruck von Erschöpfung, manchmal aber lächelt sie hinreißend.«
Das Curie-Labor startete zu Beginn noch in einer Art Schuppen mit einem Holzofen und Glasdach. Aber nach und nach wandelte es sich zu einem veritablen Wissenschaftsbetrieb. 1914 übernahm Curie die Leitung des neu geschaffenen »Radium-Institut«. Marie Curie war nicht nur eine brillante und international renommierte Wissenschaftlerin, sie verfügte auch über einen einzigartig großen Vorrat an Radium. Diese ernsthafte und manchmal über das ganze Gesicht strahlende Frau Curie verteilte Stipendien an Frauen (und Männer), erließ vielen Frauen die Studiengebühren, unterstützte die Suffragetten und bildete Wissenschaftlerinnen aus.
Trotz ihrer internationalen Anerkennung als Wissenschaftlerin wurde Curie eine Mitgliedschaft in der prestigeträchtigen französischen »Académie des sciences« verwehrt. Wollte Curie dort ihre bahnbrechenden Entdeckungen zur Diskussion stellen, musste sie einen Mann fragen. Selbst ihre Tochter Irène Joliot-Curie schaffte es nicht in die Männerriege, obwohl auch ihr 1935 ein Nobelpreis zugesprochen wurde. Erst 1962 wurde Marguerite Perey, eine der Forscherinnen aus dem Umfeld Curies, als erste Frau aufgenommen – wenn auch nur als korrespondierendes Mitglied und damit ohne Stimmrecht. Ellen Gleditsch stellte immerhin fest, dass sich die jüngeren Forscher gegenüber ihren Kolleginnen weniger missgünstig und herablassend zeigten. Der Zeitschrift »Tribune« gab sie zu Protokoll: Die »älteren und konservativeren [Forscher] sterben aus oder passen sich den neuen Verhältnissen an«.
Dass sich der Trend hin zur Gleichberechtigung in der Wissenschaft bis heute wirklich überall durchgesetzt hat, darf bezweifelt werden. Ganz ohne Zweifel ist es aber rundum ein Genuss, Dava Sobels Buch über das Leben und Wirken von Marie Curie und all der anderen erfolgreichen Forscherinnen zu lesen, die sie in ihrem Labor gefördert hat.
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